T e amo, Gil!" ruft eine Brasilianerin laut in die erwartungsvolle Stille zu Beginn des Konzerts – es klingt, als sei sie am Verdursten. Der Sänger antwortet lächelnd: "Ich liebe dich auch." Viele junge Brasilianerinnen sind in die neue Philharmonie in Essen zu Gilberto Gil gekommen. Klatschend, singend und tanzend begleiten sie über die Köpfe der staunenden Deutschen hinweg den Auftritt jenes Musikers, der wie kein anderer Stimme und Gesicht, Seele und Körper Brasiliens repräsentiert: Gilberto Gil, 61 Jahre alt, dunkelhäutig, die Rastalocken zum Zopf gebunden, energiegeladen und entspannt. Auf der Bühne sucht er den Kontakt zum Publikum ebenso wie zu seinen jungen Partnern – Energieströme fließen wie zwischen einem Guru und seinen Jüngern, die die Augen nicht von ihm wenden.

Ein Kulturminister auf der Suche nach der brasilianischen Identität

Die Musik der Show Eletracústico ist rhythmisch, schnell, direkt. Brasilianische Klassiker wie Asa branca oder A Rita holt die Band mit elektronischen Instrumenten in die Gegenwart. Sie treten in einen faszinierenden Dialog mit Berimbau, Pandeiro oder Surdo, der großen Sambatrommel. Im Zentrum steht die charismatische Stimme von Gil, auch sie direkt und offensiv, die Melodie mit vogelgleichen Improvisationsrufen umspielend. Mehr als einmal ruft er in klaren Intervallen ein "aye-ye" in den Raum, wie hypnotisiert singt das Publikum mit.

Seine offensive Kontaktfreude bestimmt Gil geradezu für das Amt, in dem er auf höchster Ebene der Kultur seines Landes dient: Seit Herbst 2002 ist er brasilianischer Kulturminister im Kabinett Lula. "Wir freuen uns wirklich für ihn, aber nicht für uns", sagt ein Mitglied seiner Band, die nun viel seltener auftritt. Dreißig Leute sind wirtschaftlich von Gil abhängig, die er von dem eher bescheidenen Ministergehalt von 2300 Euro im Monat allein nicht ernähren kann. Und so handelte er mit dem Staatspräsidenten aus, seine jährlichen Konzertauftritte sporadisch weiterlaufen zu lassen. Nur zum Komponieren kommt er nicht mehr – die letzte wirklich neue CD-Produktion Kaya N’Gan Daya erschien vor zwei Jahren.

"Und wann machen Sie Urlaub?" – "Wenn ich das eine mache, ruhe ich mich von dem anderen aus", sagt er im Gespräch, und es klingt wie eine fernöstliche Philosophie. Gil interessiert der Weg, nicht das Ziel, er spricht gern von "Tao". Seit den politisch-musikalisch brisanten 68er-Jahren beschäftigt er sich mit dem Zen-Buddhismus, den er nicht nur als Mode in sein Weltbild aufgenommen hat. Meditation und makrobiotische Ernährung sind zur täglichen Gewohnheit geworden. Neben dem Buddhismus huldigt Gil der afrikanisch-brasilianischen Kultreligion Candomblé und trägt jeden Freitag rein weiße Kleidung. Man kann das als brasilianischen Synkretismus analysieren; Gil sagt: "Auf den Glauben kommt es an". Andar com fé, "im Glauben gehen", heißt einer seiner beliebtesten Songs, bei dem die Fans im Essener Konzert leidenschaftlich mitsingen. Eine Brasilianerin erinnert sich, dass ihr Vater schwer herzkrank war, als das Lied von 1982 in den Charts war. Sie habe es mit intensivem Glauben gehört. Und dann habe ihr Vater noch weitere acht Jahre gelebt.

Als Kulturminister hat Gilberto Gil eine großartige Vision. Statt in seinem gekühlten Ministerbüro in der kühl konstruierten Hauptstadt Brasília Programme zu entwerfen, reist er durchs Land und vermittelt den Bewohnern des "Interior", des armen Landesinneren, oder der Favelas, der großstädtischen Elendsviertel, dass sie die Kulturträger Brasiliens seien. Und zwar durch ihre Identität als Brasilianer, aber auch als Nachfahren afrikanischer Sklaven, gedemütigter Indios, armer Schweizer oder Hunsrücker Einwanderer, höfischer Portugiesen oder Spanier, osteuropäischer Juden oder Libanesen. Diversidade, "Verschiedenheit", ist das Zauberwort.

In seinem Ministerium beschäftigt sich eine Abteilung mit der brasilianischen Identität und Diversität, die man an den Mundarten des riesigen Landes, aber auch an der Musik festmachen kann. Für Gil ist der Baião des Nordostens oder der Samba Rio de Janeiros kein abgelegtes Folklore-Phänomen, sondern "ein dynamischer Weg der poetischen Konstruktion der brasilianischen Kultur". Mit dieser Politik eines offenen, weit verzweigten Kulturbegriffs folgt Gil einer Unesco-Charta, die auch von Mexiko, Südafrika, Spanien und Frankreich unterstützt wird.

Anders als Staatspräsident Lula ist Gilberto Gil kein Arbeiterkind. Er entstammt der Mittelschicht des Küstenstaats Bahia, studierte in Salvador und hätte in großen Unternehmen arbeiten können, wenn die Musik – Anfang der sechziger Jahre der Bossa Nova – nicht stärker gewesen wäre. Seinen künstlerischen Durchbruch erzielte er, als Elis Regina, "die größte Sängerin Brasiliens", mit seinen Songs auftrat. Die Musikfestivals in Rio und São Paulo wurden damals durch das Fernsehen bis in die hintersten Winkel der brasilianischen Weiten übertragen.