Grün ist nicht unbedingt das erste, was einem ins Auge springt, wenn man in Kulusuk landet. Wer ist bloß auf die Idee gekommen, dieses Land "Grünland" zu nennen? Es ist grau, braun und dreckig. Wir haben Juni. Der Schnee ist gerade weggetaut. Es wird also nichts mit der Hundeschlittenfahrt, die auf dem Programm steht. "Sorry, aber wir sind in Grönland", sagt Rökkvi, unser isländischer Führer. Das meistgebrauchte Wort hier, sagt er, sei uupa. Was so viel heiße wie "mal sehen". In Grönland nämlich sei nichts planbar. Wer weiß schon, ob morgen der Fjord zugefroren ist, ein Schneesturm um die Häuser fegt oder das halbe Dorf, berauscht von einem wilden Fest, im Delirium liegt.

Die Fokker von Air Iceland, die fast täglich die anderthalb Stunden von Reykjavík nach Kulusuk fliegt, hat mittags um zwölf 30 Touristen ausgespuckt. Franzosen, Amerikaner und Deutsche – Islandreisende, die einen Tagesausflug ans Ende der Welt gebucht haben. Das I-Tüpfelchen der Exotik nach Geysiren und heißen Quellen. Vier Stunden grönländischer Alltag im Zeitraffer: Hundeschlittenfahrt, Dorfbummel, Kanuvorführung, Trommeltanz, Bootstour. Pünktlich um 16 Uhr geht es zurück.

Drei Kilometer sind es vom wellblechernen Flughafen in die Siedlung mit den bunten Holzhäuschen. Am Wegesrand stehen in regelmäßigen Abständen fünf Meter hohe Stäbe. Hoch genug, um einen Großteil des Jahres gerade noch erkennen zu lassen, wo sich unter dem Schnee die Straße befindet; die einzige weit und breit. Man schämt sich ein bisschen, hier einzufallen wie in einen Zoo. Aber die Kulusuker grüßen gut gelaunt. Touristen scheinen eine willkommene Abwechslung zu sein, in dem 360-Seelen-Dorf passiert sonst nicht viel.

Kulusuk liegt zwar kaum weiter im Norden als die Szenemetropole Reykjavík, aber das war es dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Hier gibt es keine Kneipe und keine richtigen Toiletten. Rökkvi erzählt, dass ungefähr 15 Leute eine feste Arbeit haben und die übrigen Unterstützung vom dänischen Staat bekommen. Dass die Milch vor vier Wochen ausgegangen ist, das Klopapier vor einer und dass das nächste Schiff mit Ware in einem Monat erwartet wird. Uupa.

Es gibt reichlich Schnaps. Und jeden Freitag ein großes Dorfbesäufnis

Zumindest gibt es im einzigen Laden von Kulusuk neben Bananen und Gewehren noch reichlich Schnaps. Und jeden Freitag ein großes Dorfbesäufnis im Gemeindehaus.

Gegenüber dem Supermarkt im Souvenirshop von Gudrun und Johann wird es eng. Hier kann man Handgefertigtes "made in Kulusuk" erwerben. Früher verkauften die Einheimischen ihre aus Knochen geschnitzten Geisterfiguren oder Taschen aus Seehundfell auf der Straße, aber seit fünf Jahren sorgen die beiden Isländer für die optimale Vermarktung. Johann betreibt außerdem eine kleine Jugendherberge für die wenigen Menschen, die, anders als wir, länger als einen Tag bleiben. Gleich muss er ein paar Amerikaner in seinem monströsen Geländewagen chauffieren. Den braucht man hier. Die Ostküste Grönlands ist eine der unwirtlichsten und unbewohnbarsten Gegenden des Landes.

Viel Zeit zum Souvenirkaufen ist nicht. Pele wartet mit der Kanuvorführung, und Anna soll uns anschließend den Trommeltanz zeigen. Wir hasten zum kleinen Plateau am Fjord. Das Wasser ist glatt wie ein Spiegel, nur Peles Kanu schlägt kleine Wellen, während er sich um die eigene Achse dreht und den Speer auf imaginäre Seehunde wirft. Im Hintergrund erheben sich majestätisch eisbedeckte Berge. Nun wäre Anna dran, sie ist aber nirgends zu finden. Der alte Geländewagen parkt vor ihrem Haus, weit kann sie nicht sein. Aber wer weiß das schon? Also noch schnell einen Blick in den Keller des Nachbarn Japille werfen, wo Justine, Marienne und Ebba gerade einen Eisbären häuten, den Jappille gestern geschossen hat. Mit bloßen Händen wühlen sie in dem blutigen Eisbärfell. Die Frauen machen die Drecksarbeit, die Jäger sind Helden. Der gebratene Eisbär schmeckt ein bisschen wie zähes Rindfleisch.