Die meisten Dinge ändern sich nicht in Nahost, und der Vater aller Fixpunkte ist Jassir Arafat – seit 36 Jahren, als er die PLO-Führung übernahm. Jetzt hat der 75-Jährige dem Wandel schon wieder siegreich getrotzt. Denn abgesagt ist vorläufig der Bürgerkrieg in Gaza. Und zugesagt hat Premier Achmed Kurei (Abu Ala), doch noch im Amt zu bleiben, nachdem er Arafat tagelang mit Rücktrittsgesuchen gepiesackt hatte. Ein bisschen Gesicht nur hat Arafat verloren, weil er seinen Vetter Mussa ("Moses") Arafat die Epauletten des Gaza-Sicherheitschefs unter dem Druck der Straße wieder abreißen musste.

Diesmal schien es für Arafat wirklich eng zu werden – wie das Nadelöhr fürs Kamel. Denn noch nie hatten palästinensische Pistoleros so offen gegeneinander geschossen wie in dieser Woche. Noch nie war ein Machtspiel des Raïs ("Führer") mit so viel offener Hetze gegen ihn beantwortet worden. Selbst seine eigenen Geschöpfe, die Al-Aksa-Brigaden der Fatah, die vor vier Jahren mit Arafats Segen in die Terror-Intifada gegen Israel zogen, haben ihm die Gefolgschaft gekündigt. Die Degradierung des Vetters Mussa, schimpfte Al-Aksa, "ist bloß ein weiterer Versuch, das Volk zu foppen und Reformen zu umgehen". Weshalb sich zum hundertsten Mal die Frage stellt, weshalb dieser Arafat, der bekannteste Verlierer des 20. Jahrhunderts, so viele Leben hat wie ein Rudel Katzen.

"Die Mitte bin ich!", lautet das Geheimnis des Überlebenskünstlers

Arafat hat 1970 versucht, die Macht in Jordanien zu ergreifen und wurde von König Husseins Arabischer Legion nach Libanon vertrieben. Dort baute er einen Staat im Staat auf, bis er von Ariel Scharons Armee nach Tunis exiliert wurde. Er hat mit seiner Terrorstrategie israelische Premiers (Peres, Barak) in Wahlen gestürzt, mit seiner Unfähigkeit, im richtigen Moment ja zu sagen, amerikanische Präsidenten (Clinton) enerviert. Heute sitzt er, Objekt eines persönlichen Rachefeldzugs von Scharon, in seinem zerbombten Regierungssitz in Ramallah und kann weder vor noch zurück. Und doch hat er den jüngsten Schlag gegen seine Herrschaft, den übelsten seit seiner Vertreibung aus Beirut, mit sicherer Hand abgewehrt.

Die Erklärung ist so alt wie die schier endlose Geschichte Arafatscher Fehlentscheidungen: Es gibt keinen anderen, der mit so scharfer Witterung die Machtströmungen wahrnimmt und sich dort positioniert, wo er sagen kann: "Die Mitte, das bin ich." Arafat ist der größte gemeinsame Nenner der palästinensischen Gesellschaft, der alle Rivalen als zu schlaff oder zu gefährlich, als zu klerikal oder zu ketzerisch erscheinen lässt. Dies erklärt, warum in diesen Tagen niemand den Griff zur Macht gewagt hat: nicht die Hamas, eine Mischung aus Terrortruppe und islamischem Sozialverein, nicht die Al-Aksa-Brigaden, nicht Möchtegern-Machthaber wie Ex-Sicherheitschef Mohammed Dachlan, der sich Israelis, Amerikanern und Palästinensern als Bollwerk der Vernunft anbietet. Niemand hat die Oberhand. Der Meinungsforscher Chalil Sch’kaki, einer der klügsten Palästinenser überhaupt, hat ermittelt, dass Fatah und Hamas nur je auf ein Viertel der Bevölkerung zählen können.

Hinzu kommt eine weiche Variante des orientalischen Despotismus, die nicht mit dem Schwert, sondern mit dem süßen Gift der Korruption operiert. Aberhunderte von Millionen Dollar, zumal aus Brüssel, sind in ein weit verzweigtes Patronage-Netz geflossen – zum Beispiel an die Sicherheitsdienste, die nach jüngster Zählung zwölf (vor ein paar Jahren waren es nur sieben) umfassen, oder an jene 45.000 Polizisten, die dem Westjordanland und Gaza zur höchsten Büttel-Dichte der Welt verholfen haben. Importlizenzen gehen ebenso an die Loyalisten wie Zement- und Benzinmonopole. Dies zu geißeln ist deshalb so sinnlos, weil es nicht um gemeine Korruption, sondern um Arafats Vorherrschaft geht.

Deren Prinzip ist simpel genug: Arafat, der Unverzichtbare. Schon leitartikelt Ha’aretz, Israel möge ihm die Ausreise nach Gaza erlauben, "um dort die Situation zu stabilisieren". Stabilisieren, vielleicht – reformieren, wie so viele Gazaner nun so heftig fordern, bestimmt nicht. Um zu reformieren, müsste er den Unterschleif abstellen, der seine Macht garantiert; um mit den Israelis ins Zwei-Staaten-Geschäft zu kommen, müsste er den Terror wenigstens an die Kette legen. Derlei Entschiedenheit ist Arafat allerdings so wesensfremd wie einer Balletteuse der Boxkampf. Das Fazit ist so vertraut wie uninspirierend: Es geht nicht ohne, und es geht nicht mit Arafat, den Mann, der alle Staatskunst auf den Machterhalt reduziert hat – seit Jahrzehnten.