Die Welt war immer kritisch mit ihr. Überhaupt schlägt Künstlerinnen, die unter den Nationalsozialisten erfolgreich waren, bisweilen ein besonderes Misstrauen entgegen: Als hätten Frauen es nicht nötig gehabt, politisch zu paktieren. Weswegen es doppelt verwerflich erschien, wenn sie es taten.

Elly Ney tat es, und zwar mit der ihr eigenen Inbrunst. Sie schwärmte von der entflammten Menschenseele des Führers, ließ sich in seiner Bayreuther Loge zu Wagner bekehren, hielt das wahrhaft ergreifende, deutsche Musizieren auch nach dem Krieg noch gegen jene blutleere Mechanik, die sie dem Ausland zuliebe neuerlich um sich greifen sah - und verlieh sich und ihrem Spiel so etwas dauerhaft Halsstarriges, ja Zwielichtiges. Heute gilt sie den einen als Witzfigur, weil es offenbar immer witzig ist, wenn Frauen so männliche Stücke wie Brahms' B-Dur Konzert spielen. Und auch Maurizio Kagels legendäre Beethoven-Jubiläums-Satire von 1970 tat hier ein Übriges, indem sie im Film eine quasi-mumifizierte Elly Ney unermüdlich den Beginn der Waldstein-Sonate repetieren lässt, während gleichzeitig ihr schlohweißes Haar zu wuchern beginnt und die ganze Versuchsanordnung am Ende unter sich erstickt.

Den anderen ist sie Priesterin und Esoterikerin, eine, die schon mal zum Pendel greift, um sich Klarheit zu verschaffen, und strikt vegetarisch lebt.

Elly Ney also, die rechtmäßige Statthalterin Beethovens auf Erden und seine eigentliche unsterbliche Geliebte (wie Hans Paul von Wolzogen dichtete), Elly Ney, die ganz wie der große Meister den Weg von Bonn nach Wien nimmt und wie er kein rechtes Glück in der Liebe findet, Elly Ney, die verhasste Reichsklavierleiche - merkwürdige Mesalliancen.

Unter solch kompakten Prämissen ist es schwierig, den Weg zur Musik wiederzufinden. Nicht dass es in der Diskografie der Elly Ney noch echte Entdeckungen zu machen gäbe, aber wenn Hänssler nun zwei CDs auf den Markt bringt, die vorrangig die Kammermusikerin präsentieren (94.047 und 94.048), dann ist das aufschlussreich. Als Kopf des nach ihr benannten Trios nämlich (alternierend mit Florizel von Reuter und Max Strub als Geiger, mit dem Bratschisten Walter Trampler und dem Cellisten Ludwig Hoelscher) weiß Ney sehr wohl zu überzeugen - und zwar just bei den Komponisten, die nicht Beethoven heißen: in einer tiefsinnig schönen Wiedergabe von Schumanns Es-Dur Klavierquartett von 1938, in einem fast aufgekratzten Haydn-Rondo drei Jahre zuvor.

In Beethovens Geistertrio hingegen bündeln sich erneut alle Eigenwilligkeiten ihres Spiels, das priesterliche Sich-Versenken in die Partitur, das Erstarren und Verharren auf vertikalen Klangsockeln, die unerbittlich langsamen Tempi jenseits aller Spannungsgesetze und dramaturgischen Zusammenhänge. Und wenn Elly Ney schließlich in rheinischem Singsang das Heiligenstädter Testament rezitiert - was sie zu Beginn ihrer Soloabende gelegentlich tat -, dann ist das rührend und peinlich zugleich, beinahe wie ein Eintrag ins pianistische Poesiealbum.