Für den Korrespondenten aus dem Westen war die DDR ein abenteuerliches Land. Umzingelt von Agenten, wie sie so massenhaft sonst nur in Kriminalromanen auftraten, wusste er nie, was der nette Fischhändler von nebenan, der ihn zuvorkommend mit Mangelware und guten Ratschlägen belieferte, im Schilde führte. Recherchierte er in einem volkseigenen Kurbad, wurden ihm bezahlte Statisten als seriöse Patienten untergeschoben. Es konnte passieren, dass er urplötzlich die Erlaubnis bekam, mit Erich Honecker auf Staatsjagd zu gehen, nicht weniger plötzlich aber konnte ihm die Genehmigung für ein Gespräch mit Robert Havemann entzogen werden. Gefährlich war, sich an Staatsfeiertagen ins Getümmel zu stürzen, wo ihm falsche FDJler mit der Handkante auf die Nieren hauten, am gefährlichsten jedoch, sich zu geharnischten Fernsehkommentaren hinreißen zu lassen, dann nämlich konnte er des Landes verwiesen werden. Dem ARD-Korrespondenten Lothar Loewe ist das kurz vor Weihnachten 1976 passiert, nun wurde die Affäre in einem von zwei launigen Dokumentarfilmen über die geheimdienstliche Bearbeitung der ARD nacherzählt.

Beide Filme entstanden begleitend zu einer Studie, die die ARD im Januar 2002 beim Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin in Auftrag gegeben hatte. Die rundfunkbezogenen Aktivitäten des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR sowie in der Bundesrepublik Deutschland heißt das 450 Seiten schwere Konvolut, das vergangene Woche mit viel selbstgefälligem Getöse im Hauptstadtbüro der Fernsehanstalt vorgestellt wurde. Zweierlei sei nun bewiesen: dass eine überwältigende Mehrheit der westdeutschen Rundfunkmitarbeiter seinerzeit den Anwerbungsversuchen der Stasi widerstanden habe, und insbesondere die ARD-Korrespondenten die Meinungsfreiheit wacker gegen die Attacken des Überwachungsstaates verteidigt hätten. Daraus folge: dass wir der ARD den Zusammenbruch der DDR, also die deutsche Einheit verdanken. Das ist nicht ganz falsch. Lange vor dem Mauerfall liefen ja tagtäglich Millionen sozialistischer Fernsehzuschauer und Radiohörer zum Klassenfeind über. Die Studie liefert nun Belege, dass Korrespondenten wie Fritz Pleitgen, Lothar Loewe, Peter Merseburger oder Hans-Jürgen Börner, die seinerzeit in Ost-Berlin stationiert waren, sich beherzt ihren Weg durch das Gewimmel der Stasi-Provokateure bahnten und die Desinformationsstrategie der ostdeutschen Sender wirkungsvoll störten. Aber die Souveränität der ARD-Korrespondenten, wie der Dokumentarfilm sie insinuiert und auch glaubhaft aus der plumpen Ineffizienz der geheimdienstlichen Störmaßnahmen herleitet, ist natürlich eine Fiktion.

Denn kritische Unabhängigkeit kann unter den Bedingungen des Staatssozialismus stets nur als redliche Absicht existieren. Pleitgen und seine Kollegen waren, dank ihres westdeutschen Passes, zwar anders unfrei als der normale DDR-Bürger, aber genauso abhängig von der Kooperation mit staatlichen Behörden und den Launen einflussreicher Funktionäre. Die Journalistenverordnung, das vertrackte Genehmigungswesen, die Direktiven der ZK-Abteilung für Agitation und Propaganda: Gegen diese Hürden erscheinen die Anrempler, Kamerazertrümmerer und Verwanzungstechniker des MfS geradezu harmlos. Sie sind das abenteuerliche Dekor der Diktatur, und eben nur ein Teil jenes komplizierteren Lenkungsapparates, des Leviathans der Parteibürokratie. In dessen Struktur verschafft uns die Studie einen Einblick und liefert so (anders als etwa Hubertus Knabe mit seiner Polemik Der diskrete Charme der DDR. Stasi und Westmedien) die Grundlage zum besseren Verständnis des MfS und seiner Einflussbereiche.

Weil sie die Systematik des Totalitarismus zu erfassen versucht, kann die Studie auch zeigen, dass die Medienpolitik der DDR nicht so sehr an der ARD gescheitert ist, sondern hauptsächlich an sich selbst: "dem eigenen schlichten Weltbild und dem theoretischen Unverständnis der pluralen Gesellschaft". Die Medienkontrolleure im ZK und beim MfS waren überzeugt, dass Journalismus im Westen genauso funktioniere wie im Osten, dass also auch die Korrespondenten der ARD bloß Agenten der Bundesregierung seien. Deshalb behandelte man sie als Feinde und machte sie sich dadurch erst zu Feinden. Hans-Jürgen Börner, von 1986 bis 1989 für die ARD in Ost-Berlin, erinnert sich, dass man es "als Linker in der DDR besonders schwer" gehabt habe. Und sein Kollege Claus Richter, von 1987 bis 1991 vor Ort, gibt zu Protokoll: "Wenn man menschlich verärgert ist, schlägt sich das irgendwann nieder auf die journalistische Arbeit." Leider lassen die Verfasser sich nicht recht auf die Frage ein, ob der Verdacht der Stasi vielleicht auch zutraf – inwiefern das politische Profil der ARD-Programme von den Parteiinteressen der Intendanten abhängig war. In einer Fußnote erzählt der einstige Korrespondent Horst Hano, die CDU habe seine Entsendung nach Ost-Berlin um drei Jahre verzögert. Lothar Loewe berichtet, wie der ständige Vertreter der BRD, Günter Gaus, ihn im Sinne der deutsch-deutschen Entspannungspolitik zu disziplinieren versuchte.

Die Studie erweckt an vielen Stellen den Anschein, dass sie eine positive Berichterstattung über die DDR für prinzipiell unlauter hält, jegliche Art von Kritik an der DDR jedoch für prinzipiell seriös – und reproduziert so alte Feindbilder. Weil sie im Flüsterton vom BND spricht und den verheerenden Einfluss des Kalten Krieges auf die Unbefangenheit der Westmedien nur andeutungsweise beschreibt, wirkt sie parteiisch und vermittelt den unguten Eindruck, den Westrundfunk nachträglich legitimieren zu müssen. Die Auftraggeber der Studie waren wohl auch nicht ganz frei von Rechtfertigungsabsichten, denn ehe die ARD den Auftrag vergab, war sie jahrelang gedrängt worden, ihre Mitarbeiter zu "gaucken". Das Forscherteam um Jochen Staadt hat nun aus über 400000 Aktenblättern sowie aus der Rosenholz-Datei, einer 1990 von der CIA sichergestellten und erst 2003 freigegebenen Klarnamendatei des MfS, nur wenige IM herausgefischt. Einige kamen in den beiden bereits ausgestrahlten Dokumentarfilmen vor, andere Namen, wie der des einstigen Moskau-Korres-pondenten des ZDF, Dieter Schumann, zu dem es einen IM-Vorgang "Basket" gegeben haben soll, geisterten als Gerücht durch die Presse. Genaues wird man erst wissen, wenn die restlichen 650 Seiten der Studie veröffentlicht sind. Noch werden sie mit Hinweis auf das Kohl-Urteil und die Wahrung der Datenschutzrechte Dritter unter Verschluss gehalten. Der bereits vorliegende Teil des Dossiers dürfte jedoch der weitaus interessantere sein, da es hier – statt um Enttarnung – um die inneren Widersprüche der totalen Medienkontrolle geht.

Da wird nicht nur die bekannte Ineffizienz der Stasi beschrieben, sondern auch deren weitgehende Überflüssigkeit, jedenfalls was die DDR-Medien anbetraf. So bespitzelte das MfS besonders misstrauisch das SED-loyale DDR-Fernsehen und dessen linientreue Kader, und im Pressezentrum behinderten die verschiedenen MfS-Abteilungen mit ihren unterschiedlichen Taktiken sich gegenseitig. Vielleicht sind die Kapitel über den Rundfunk der DDR überhaupt am besten, sie zeigen unter anderem, wie Stasi-Offiziere das sozialistische Kinderfernsehen unterstützten, oder wie der DFF sein Programm mit Schnulzenfilmen aufweichte, um von der Tagesschau abzulenken. Außerdem legen die Autoren nahe, dass das westdeutsche Werbefernsehen die regimekritischen Fantasien des DDR-Publikums stärker beflügelte als alle ARD-Politmagazine zusammen.

An eindrucksvollen Beispielen wird das zugleich naive und perfide Verhältnis der sozialistischen Medienwächter zur Wahrheit beschrieben. Sie waren überzeugt, dass (erstens) ein Staat prinzipiell im Besitz der Wahrheit sein könne, und dass (zweitens) man dieser Wahrheit im Zweifelsfall durch Lüge beziehungsweise geheimdienstliche Konspiration zur Evidenz verhelfen müsse. Die Naivität vieler Stasi-Experten heute besteht in dem Irrglauben, man könne durch Dekonspiration die vom MfS verschleierte "eigentliche" Wahrheit aufdecken. Wer so denkt, muss sich mit den Wahrheitsproblemen der Mediendemokratie bequemerweise nicht auseinandersetzen. Das Wort "Aufklärung" jedenfalls, dass bei der Präsentation der ARD-Studie in Berlin so emphatisch gebraucht wurde, wird im Zusammenhang mit dem Thema Medien (und erst recht dem Thema Stasi) immer einen unfreiwillig komischen Klang behalten. Je mehr Aufklärung, desto mehr Ungewissheit – es ist ein altes Problem, das schon die Stasi nicht hat lösen können.