Von Beginn an hatte die Dresdener Frauenkirche zwei Körper: ihren viel gerühmten Sandsteinkörper aus der Hand des städtischen Ratszimmermeisters George Bähr und einen symbolischen Körper aus Projektionen und Bedeutungszuschreibungen. Allerdings hatte die Gestalt des ersten Körpers – vor allem die sogleich umstrittene wie hoch gerühmte steinerne Kuppel Bährs – den symbolischen Körper förmlich erzeugt. Noch der greise sächsische Kurfürst und polnische König August der Starke begann zu ahnen, dass die Bürgerschaft seiner sächsischen Residenz auf dem Wege war, sein architektonisches Lebensprojekt zu krönen: die Verwandlung Dresdens in ein nordisches Venedig mit der Silhouette einer barocken Großkuppel nach dem Muster von Santa Maria della Salute. Als der König am 18. August 1731 Bähr zur Audienz empfing, gab es diese Kuppel zwar noch nicht, aber der selbst als Architekt dilettierende Monarch erkannte sie auf den Plänen. Sein Lob – "das Werk hat Größe und Ansehen" – zog Bähr in jenen Kreis der Dresdener Stadtbaumeister von Pöppelmann bis Semper, die eine Stadt schufen, von der der Soziologe Pierre Bourdieu noch kurz vor seinem Tode sagen konnte, sie zähle zu den von der Geschichte auserlesenen Städten, in denen man Europa leiblich spüren könne.

Auch dies war natürlich eine Projektion – ausgerechnet vom Meister der Dekonstruktion aller symbolischen Güter. Aber längst war die Frauenkirche eingetaucht in das verwirrende Spiel von Rekonstruktion und Dekonstruktion. Die Krone Dresdens, die Glocke von Elbflorenz, der protestantische Petersdom – so lauteten die Zuschreibungen des "zweiten Körpers" für fast zwei Jahrhunderte. Die steinerne Kuppel wurde ob ihrer architektonischen Kühnheit (die sich vor allem der klammen Baukasse der Stadt verdankte) zugleich zu jener "festen Burg Gottes", die lutheranisches Liedgut bis heute feiert. Als die Pfeiler die Wucht der Kuppel seit Beginn des 20. Jahrhunderts immer deutlicher zu spüren bekamen und sich zeigte, dass sie zentimetertief in den Boden gesunken waren, erstand Bährs Kirche unter Leitung Arno Kieslings zwischen 1937 und 1942 neu. Aber auch der zweite Körper wurde erneuert: Fortan galt die Krone des augusteischen Dresdens als "Dom der deutschen Christen" – auch dies eine Projektion, wenn auch eine peinliche der Nazizeit.

Das Ende war mythisch. Die Bomben der Briten schienen an der Kuppel Bährs abzuprallen wie einst die Kugeln der preußischen Kanoniere Friedrichs des Großen. Aber am 15. Februar, einen Tag nach den Angriffen, sank die Kirche doch in sich zusammen. Und damit geschah jene magische Verwandlung, die der Historiker Ernst Kantorowicz als das "Fortleben des zweiten Körpers" bezeichnet hat. In seiner Sicht dient das Fortleben dieses Körpers über das Ableben des stofflichen Körpers hinaus dem Erhalt der Werteordnung. Die Katastrophe wird negiert, um einer Gesellschaft die Möglichkeit zu geben, selbst zu überleben. So begann auch bereits 1945 um den Schutthaufen der Frauenkirche das symbolische Selbstrettungswerk Dresdens.

Es setzte ein ideologischer Kampf um die Reste ein, der alles andere als imaginär war. Denn der Rat der Stadt folgte spätestens seit 1948 dem Konzept des sozialistischen Umbaus Dresdens. Dazu zählte die Beseitigung der Trümmer der Frauenkirche. Die Anhänger des "Alten Dresdens", wie der Kunsthistoriker Fritz Löffler sein 1955 publiziertes, sogleich viel gerühmtes Buch nennen sollte, wurden zu Opfern systematischer Repressalien. Und dennoch waren beide Seiten auf unheimliche Weise vereint. Beide stritten über die Bedeutung vermodernder Geschichte. Zur Schuldfrage der nationalsozialistischen Katastrophe drang dabei weder die eine noch die andere Seite vor. Die einen hatten schon immer die Geschichte auf ihrer Seite gewusst; die anderen klammerten sich an den symbolischen Körper der zerstörten Kunstwerke.

1966 wurde der Kampf durch einen historischen Kompromiss beigelegt: Die SED erklärte anlässlich der Arbeiterfestspiele im Mai des Jahres die Frauenkirche zum "Mahnmal gegen Faschismus und Krieg". Damit hatte der symbolische Körper der Ruine die Rettung ihrer stofflichen Körperüberreste bewirkt. Beide Seiten hatten gewonnen – die Vertreter des "Alten Dresdens" hatten den Ort und die sprechenden Trümmer bewahrt, die Staatspartei die Möglichkeit einer Umdeutung durchgesetzt. Die symbolische Konfrontation von "Faschismus" und "anglo-amerikanischem Kapitalismus", die beide auf unheilvolle Weise eine "unschuldige Stadt" von Zivilisten und Flüchtlingen sowie ein "Weltkulturerbe" zerstört haben sollten, war sogar international erfolgreich. Die Ruine der Frauenkirche konnte an der Seite der Kathedrale von Coventry zum Symbol der Friedensbewegung werden.