Jedes Wort wird wieder auf die Goldwaage gelegt werden. So war das immer, so bleibt es. Gerhard Schröder weiß auch, dass manche seine Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstandes noch immer für "zu früh" halten, trotz des Auftritts mit Jacques Chirac und den Alliierten beim D-Day in der Normandie. Aber die Einladung von Präsident Kwa™niewski, sagt er, habe ihn "berührt". Natürlich folgt er ihr. Ja, es sei eine "Zäsur".

Er wisse, setzt der Kanzler im Gespräch gleich hinzu, welchen Platz der Aufstand in der polnischen Geschichte einnehme. "Unser Heiligstes!", hat der alte Wladyslaw Bartoszewski, der am 1.August 1944 dabei war, empört gerufen, weil der deutsche Bund der Vertriebenen mit Erika Steinbach, ausgerechnet, sich eine Erinnerungsfeier in Berlins Französischen Dom dazu anmaßte. Nicht über die Reden dort erregte er sich, sondern über die bloße Tatsache. Versöhnung? Haben sie uns gefragt? Lug und Trug! Mit einer Goldwaage hantiert inzwischen auch Schröder, obgleich sie eher Made in Germany ist, er spürt, dass die Erregung nicht Alarmismus ist, er weiß, welcher Balanceakt auch ihm bevorsteht. Die Einladung nach Frankreich, so hatte er den französischen Präsidenten interpretiert, bedeute, dass die "Nachkriegszeit endgültig zu Ende" sei; so würde er die Einladung nach Warschau keinesfalls deuten. Mit Polen ist es anders. Da brauche man mehr Geduld.