Die Zeit, in der deutsche Universitäten ein Vorbild für den Rest der Welt waren, liegt viele Jahrzehnte zurück. Gremienkämpfe und Zeitlupenkarrieren gehören längst zum akademischen Alltag. Der Versuch der Bundesministerin Edelgard Bulmahn, mit dem Projekt "Juniorprofessur" die Kriechspur der Uni-Laufbahnen abzuschaffen, ist vor dem Verfassungsgericht gescheitert.

Drei klagende Länder hatten die Zuständigkeit des Bundes bestritten, und die Richter gaben ihnen Recht. Sie haben den Bundesgesetzgeber auf einem entscheidenden Feld entmachtet. Bulmahn sollte darum die politischen Konsequenzen aus dem Sieg der Föderalisten ziehen und die Regierungskoalition zu einem großen Verzicht bewegen: Der Bund überlässt den Ländern alle universitären Zuständigkeiten. Der Eintrittspreis der Länder für eine vollständige Hochschulsouveränität wäre allerdings eine doppelte Verfassungsänderung. Artikel 91a des Grundgesetzes nennt unter den Gemeinschaftsaufgaben von Bund und Ländern den "Ausbau und Neubau von Hochschulen einschließlich der Hochschulkliniken". Aus diesen konfliktbeladenen Mischfinanzierungen müsste sich der Bund zurückziehen. Dabei könnte eine schmerzlindernde Übergangsregelung den Geschmack der Länder an neuer Eigenverantwortung verbessern. Die höchst unterschiedliche finanzielle Ausstattung der Länder würde alsbald die Konkurrenz der Hochschulen verschärfen – aber genau dies haben die Kläger ja so gewollt.

Und der Bund? Edelgard Bulmahn könnte die frei gewordenen Mittel im Aufbau jener akademischen Elite-Anstalten anlegen, die ihr zu Jahresbeginn vorschwebten und die das Land auch benötigt. Das setzte allerdings eine zweite Grundgesetzänderung voraus: Nach dem Vorbild der Schweizer Verfassung wird dem Bund das Recht eingeräumt, einige Hochschulen zu betreiben. Nichts hinderte sie dann, unter dem Titel "Hauptstadtpflege", über die zurzeit die Föderalismuskommission diskutiert, eine unabhängige Stiftungsuniversität zu fördern, ohne sich dem anachronistischen Vorwurf "Zentralismus" auszusetzen: Die Berliner Humboldt-Universität (37000 Studenten) mit ihrem Jahresetat von 280 Millionen Euro ist längst zur schweren Bürde der bankrotten Hauptstadt geworden. Ihre Umwandlung in eine "private" Hochschule, deren innere Organisation und Leistungsziel sich orientieren könnten an ähnlichen Modellen, die es in Deutschland bereits gibt – zum Beispiel in Bremen oder Hamburg –, wäre ein Gewinn für das geplagte Berlin und für die Universität selbst.

Zum Abriss freizugeben wären die beamtenrechtlichen Privilegien, die Bürokratismen der Verwaltung, zahllose studienzeitverlängernde Prüfungsvorschriften, die fast halbjährigen Semesterferien – kurzum: die staatlichen Leistungsbremsen, die Deutschlands Universitäten hemmen. Ein Brückenschlag zu Berliner Max-Planck-Instituten würde das internationale Renommee der Universität schlagartig verbessern. Partnerschaften mit privaten Hochschulen in Frankreich oder Spanien – unter Anerkennung der jeweiligen Examensabschlüsse – könnten außerdem ein europäisches Netzwerk begründen, das es vor Jahrhunderten schon einmal gab.

Die Rechtsform einer wirklich staatsfernen Stiftungsuniversität, deren Vorstand ausnahmsweise nicht unseligem Parteienproporz gehorcht, würde dem unvermeidlichen Vorwurf "Frau Bulmahn schenkt sich eine Uni" die Spitze nehmen. Ein erweitertes Stiftungsrecht (das so oder so fällig ist) könnte die finanzielle Unabhängigkeit der "neuen" Universität erhöhen. Und ein Stipendienprogramm nach amerikanischem Vorbild müsste dafür sorgen, dass genau jenen qualifizierten Studierenden der Uni-Zugang offen bliebe, für die Edelgard Bulmahn unter dem Banner "Gebührenfreiheit" streitet.

Eine eigenständige Stiftungsuniversität in Berlin würde den Wettkampf unter Deutschlands Hochschulen beleben; mit größter Wahrscheinlichkeit würde sie sich zum Magneten für die besten akademischen Nachwuchskräfte entwickeln. Genau dies sollte die vernünftige Idee der "Juniorprofessur" bewirken. Während an anderen deutschen Universitäten die akademische Laufbahn auch fürderhin erst nach durchschnittlich 42 Lebensjahren zum ersehnten Ziel einer Professur führen wird, könnte die neue Humboldt-Universität beweisen, dass Deutschland die lähmende, utopiefeindliche Epoche namens "Das geht nicht, das haben wir noch nie gemacht" endlich hinter sich lassen will. Dem freien Geist ihres preußischen Gründers entspräche es allemal.