Das unförmige Ding, das drei Männer vor dem Völkerkundemuseum von einem Siebentonner wuchten, sieht aus wie eine Kreuzung aus Schlitten und Waschzuber. Diana Altner strahlt: "Es riecht sogar gut." Hinter dem Monstrum, das sich bei näherem Hinsehen als Boot entpuppt, liegt eine weite Reise. Altner erwarb es im letzten Sommer in Tibet, wo sie als Ethnologin den Alltag in einem kleinen Fischerdorf erforscht. Über Lhasa ließ sie das zwei Jahre alte Boot nach Shanghai bringen; dort hielten es die Behörden für "nationales Kulturerbe" und stellten es sicher. Monate verstrichen. Altner befürchtete schon, die Ratten hätten es verspeist.

Das nur aus Weidenholz und Yak-Haut konstruierte Boot ist wohl das handfesteste Ergebnis des an der Technischen Universität Berlin angesiedelten und von der Volkswagen-Stiftung geförderten Forschungsprojekts "Geschichte und Ethnologie der Alltagstechniken Chinas". Dabei dreht sich alles um die Frage, wie die Menschen in China ihren Alltag organisieren und ihre Lebensbedürfnisse technisch bewältigen. "Da ist Pionierarbeit zu leisten", sagt Mareile Flitsch, Privatdozentin und Leiterin des Projekts. Die China-Forschung habe sich allzu lange auf die Ideengeschichte konzentriert. Wie in China die Menschen aber leben, wie sie sich kleiden, ernähren oder fortbewegen, davon wisse man erstaunlich wenig.

"In vielen Museen werden winzige, fein bestickte Lotosschühchen präsentiert", gibt Flitsch ein Beispiel. "Oft steht nur dabei: Frauenschuh, 19. Jahrhundert." Wie hübsch, denkt der Betrachter – und erfährt nichts darüber, wie Frauen mit gebundenen Füßen den Alltag bewältigten. Wie bewahrten die Frauen mit ihren gewaltsam verkrüppelten Füßen das Gleichgewicht, wenn sie Wasser schleppten? Wie kurierten sie Verletzungen? Alles Fragen, die noch zu beantworten sind. Der hübsche Schuh im Museum erzählt davon nichts.

In Berlin versucht man nun die chinesische Alltagswelt zu kartografieren. Vier noch laufende Studien zu den Bereichen Kleidung, Wohnen, Verkehr und Ernährung loten das Forschungsfeld aus. "Die einzelnen Arbeiten sind bewusst sehr eng gefasst", sagt die Projektleiterin. Es soll gezeigt werden, wie viele Aspekte zu einem Alltagsphänomen gehören und welchen Einfluss der rasante Wandel Chinas auf sie hat. "Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Bettler, die man heute in den Städten sieht, jene Bauern sind, die wir bei früheren Feldforschungen interviewten."

Während es im Westen immer hieß, die Chinesen seien während der Kulturrevolution (1966 bis 1976) bloß ein Volk von "blauen Ameisen" gewesen, untersucht Iris Hopf in ihrer Doktorarbeit, wie die Menschen auf oft ganz individuelle Weise mit dem staatlichen Kleidungsdiktat, dem "Ideal der revolutionären Askese", umgingen. Makeup, Schmuck und modische Kleidung waren nämlich tabu. Während Bürgerliche neue Kleidung zum Bleichen in die Sonne legten und mit Flicken versahen, um ihre den Kommunisten verdächtige Herkunft zu verschleiern, machten die politisch hoch stehenden Arbeiter und Bauern das Gegenteil. Waren Löcher auszubessern, färbten sie die Wäsche neu ein, damit das Geflickte nicht auffiel.

Erst Mao machte das Fahrrad zum Fortbewegungsmittel der Massen