Dietrich Lorkes liebstes Wort ist dim gai, was auf Kanton-Chinesisch so viel bedeutet wie »warum«. Es ist eines der ersten Worte, die Lorke in Hongkong gelernt hat, und das liegt daran, dass dim gai das Leitmotiv seiner Arbeit ist. Die Frage nach dem Warum macht Dietrich Lorke, 50 Jahre alt, Mediziner und Hochschullehrer am Anatomischen Institut des Universitätskrankenhauses Hamburg-Eppendorf, zu einem international gefragen Mann. Insgesamt ein Jahr lang hat er an der Chinese University in Hongkong Anatomie gelehrt und die Professoren dort bei der Ausarbeitung eines neuen Curriculums beraten. Denn in China unterrichten hauptsächlich Biologen Anatomie: »An dem Anatomie-Institut in Hongkong gibt es nur einen Mediziner – und das ist der Institutsleiter«, sagt Lorke. In den meisten Ländern fehlen umfassend ausgebildete Anatomen wie Lorke, die sowohl über klinische als auch wissenschaftliche Erfahrung verfügen und alle vier Teilbereiche der Anatomie, sowohl Mikroskopie wie Neuroanatomie, Embryologie und Makroskopie, beherrschen. In Deutschland ist das anders: »In kaum einem anderen Land gibt es Mediziner, die alle Bereiche der Anatomie überblicken und auch noch einen Bezug zur klinischen Anwendung haben.« Für Lorke bedeutet Anatomie eben nicht nur Leichen präparieren, sondern vor allem die Suche nach Zusammenhängen zwischen kleinsten Vorgängen im Körper, um herauszufinden, wie Gehirn und Nervensystem funktionieren. Er sucht nach dem Warum, weniger nach dem Wie. Auch seine Studenten reizt er immer wieder mit der Frage: »Warum muss ich als Arzt das wissen?«

Genau das komme jedoch in vielen Ländern zu kurz. »Häufig wird die Anatomie entweder von Biologen ohne medizinische Kenntnisse unterrichtet, oder sie wird reduziert auf die klassische Makroskopie.« Das ist die Anatomie, wie sie schon seit Jahrhunderten betrieben wird: Die Lehre vom Aufbau des menschlichen Körpers und seiner Organe. »Aber Anatomie ist viel mehr als nur die Lehre von Knochen und Muskeln«, sagt Lorke, »auch der Aufbau von Zellen und Geweben gehört mit dazu, damit ist die Anatomie Grundlage für fast alle Bereiche der Medizin.« Anatomie gelte jedoch vielerorts als »alte Wissenschaft«, erklärt Lorke, »und viele Mediziner können sich nicht vorstellen, dass man auf diesem Fachgebiet Forschung betreiben kann.« Man kann: Lorke vergleicht zusammen mit Kollegen von der Chinese University gestörte und normal entwickelte Nervensysteme – um vielleicht künftig Fehlbildungen des Gehirns verhindern zu können. Juliane von Mittelstaedt