Als er im Sommer 1962 durch das westliche Deutschland reiste, wurde er empfangen wie hierzulande noch selten ein französischer Staatschef zuvor. Überall, wo Präsident Charles de Gaulle sich dem Volk zeigte, in Köln, in Stuttgart oder in Hamburg, empfing ihn brausender Jubel. Die Aussöhnung zwischen den beiden seit etlichen Kriegen verfeindeten Nachbarnationen kam (auch dank des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer) in weiten Schritten voran – es sollte das große Werk seiner späten Jahre werden.

Erstmals kennen gelernt hatte de Gaulle dieses Land, das ihn nun so herzlich Wilkommen hieß, allerdings unter ganz anderen Umständen, in einer Zeit, da die alte »Erbfeindschaft« nie geahnte Ausmaße angenommen hatte: mitten im Ersten Weltkrieg.

Anfang März 1916 war der 26-jährige Hauptmann bei Verdun verwundet und gefangen genommen worden. Nach Aufenthalten im Krankenhaus von Metz und in Lagern in Osnabrück und Litauen wurde er wegen des »Verdachts auf Fluchtversuch« nach Ingolstadt gebracht.

Zu jener Zeit war hier, in der bayerischen Landesfestung, ihren riesigen Außenforts und einigen Außenlagern (wie zum Beispiel in Hirschberg, einer Sommerresidenz der Eichstätter Bischöfe), das wichtigste Lager für gefangen genommene Offiziere im Deutschen Reich. Die berühmteste, berüchtigste dieser Anlagen war das Fort IX südlich der Stadt: In seinen Mauern wurden alliierte Offiziere interniert, die andernorts in Deutschland einen Ausbruchsversuch unternommen hatten.

Sie alle an diesem Ort zu konzentrieren erwies sich allerdings als eine eher kuriose Idee. Denn so war geradezu eine »Akademie des Ausbruchs« entstanden, wie der französische Leutnant und spätere Chefredakteur des Pariser Figaro Littéraire Rémy Roure es nannte, eine Hochschule für Entweichungskunde – in der de Gaulle zum Professor für Fluchttaktik werden sollte. Jeder Tag habe seinen genüsslich inszenierten »Radau« gehabt, mit kalkulierten Unverschämtheiten gegen die Bewachungsoffiziere; die älteren deutschen Landsturm-Männer seien mit den erfindungsreichen Gefangenen ohnehin heillos überfordert gewesen.

Von Paris aus wird die Mutter zur Komplizin

Dennoch: Fort IX war schwer zu knacken, das musste auch de Gaulle erkennen. Es sei denn, man machte es wie der Mitgefangene Michail Tuchatschewskij, der spätere Generalstabschef der Sowjetunion, und kehrte, unter Bruch des Ehrenwortes, nicht vom »Freigang« vor den Festungsmauern zurück. Das aber erschien de Gaulle, Absolvent der berühmten Militärakademie von Saint-Cyr und Soldat mit Leib und Seele, eines französischen Offiziers unwürdig. So setzte er alles daran, ins Militärlazarett im Stadtzentrum verlegt zu werden, einen Ort, den man weniger rigoros bewachte.