Dieser nackte Realismus in der Frage der Kernkraft ist A: zu begrüßen und B: nicht mit Realitätssinn zu verwechseln. Was das heißen soll? Dreh- und Angelpunkt Ihres Artikels (und der Atomkraftnutzung an sich) sind die Fragen der Sicherheit von Reaktoren und Atommüllentsorgung und der Kontrolle des waffenfähigen Spaltmaterials. Sie reduzieren das Problem von Sicherheit und Kontrolle auf technische Machbarkeit.

Blenden Sie da nicht etwas aus? Zum Beispiel, wie irrational Menschen reagieren können? Und sind nicht die USA mit ihren Verbündeten ebengerade für Sicherheit und Kontrolle (auch) atomarer Gefahren in den Krieg gezogen? Haben Unsicherheit und Kontrollverlust nicht zugenommen? Wie kann irgendwer glauben, in einer weltanschaulich noch unübersichtlicheren internationalen Gemengelage könnte Kontrolle funktionieren? Der Widerspruch zwischen Freiheitsversprechen und Kontrollzwang wird immer größer. Die Spannung wächst.

Es mag daher realistisch sein, dass die Atomkraft (bis hin zur Allmacht verheißenden Variante Kernfusion) das Schicksal der Menschheit als Ganzes besiegelt. Aber Ihr beruhigender technischer Realismus scheint mir bei näherem Hinsehen nichts als Resignation vor der Macht der Faktischen zu sein.

Mit Realitätssinn, also mit Kultur, hat das wenig zu tun.

Ich würde das Ende des deutschen Sonderweges bedauern.

ANDREAS KOTHE, BRAUNSCHWEIG

Herzlichen Glückwunsch zu diesem Beitrag - aber auch zu vielen anderen. Die ZEIT verlässt erfreulich oft den Pfad der Lemminge, lässt sich nicht einfangen von der vorherrschenden Meinung nach dem Motto: Greenpeace weiß, was Menschen mögen müssen.