Viel Stacheldraht, viele hungrige Kinderaugen, viel Gewalt. Alles wie gehabt, so meint man. Afrika immer noch die Blutig-Schöne, ungezähmt und unbegriffen. Immer noch der ferne Kontinent, düster im Elend und bunt-exotisch im Alltäglichen. Allein die prachtvollen Gewänder! Im Museum Kunst Palast in Düsseldorf hängen viele dieser wild gemusterten Stoffe über den Brüstungen der Cafeteria. Afrika, wie es alle kennen. Und doch Symboltücher für das Unvertraute, für ein Afrika, das eigentlich Europa ist.

Erfunden wurde das gewebte Inbild des Afrikanischen in Holland, im 19. Jahrhundert, als die Tuchhändler aufs große Geschäft in ihren fernöstlichen Kolonien hofften und ballenweise Stoffe mit indonesischen Batikmustern exportierten. Die kamen bei den Einheimischen nicht sonderlich gut an, dafür aber bei jenen Soldaten, die man aus Westafrika beordert hatte – und die sich, zurück in der Heimat, mit der Zwitterware schmückten. Bis heute ist sie ein Importartikel, immer noch werden Wax-Stoffe in Holland entworfen und gefertigt. Afrika, das Fremde, das Andere – in Wahrheit ein europäisches Massenprodukt.

Es sind vor allem die Künstler, die solchen Verwirrungen der Identität nachspüren, die auf der Suche sind nach ihrer Herkunft und dabei das vermeintlich Eindeutige verundeutlichen. Wie sie dies tun, lässt sich derzeit in drei deutschen Museen gleichzeitig beobachten, in Düsseldorf, in Bayreuth und seit vorigem Wochenende auch in Bochum. Das mag einem zunächst wie eine zufällige Ballung vorkommen, verdankt sich aber einem stetig wachsenden Interesse der Westkunstwelt an den zeitgenössischen Künstlern der südlichen Hemisphäre. Mal wurde die Zauberkraft des Ursprünglichen beschworen wie in der Pariser Schau über die Magier der Erde. Mal erschien der Kontinent als Projektionsfläche unserer Angstlust, etwa auf der jüngsten Documenta, die fast ausschließlich Kriegs- und Krisenkünstler präsentierte. Die drei Ausstellungen, die nun zu sehen sind, möchten derlei Festlegungen auflösen. Sie wollen nur Fragen stellen, wollen wissen, was Afrika heute eigentlich ist.

Und die Künstler? Sie tun, was sie überall auf der Welt tun, wenn man sie um Antworten bittet: Sie weichen aus und vergnügen sich mit Rollenspielen. Aimé Ntakiyica aus Burundi inszeniert sich auf Fotos als Meisterfolklorist aller Länder, mit Gamsbart und Lederhosen oder im Schottenkilt oder in Torerotracht. Beezy Bailey, ein gedrungener Weißer aus Südafrika, wechselt Hautfarbe und Geschlecht, schminkt sich dunkel, zwängt sich in Frauenkleider und führt fotografische Humoresken auf, die ihn als Putzperle und ergebenes Stubenmädchen zeigen. Besonders obsessiv treibt es Samuel Fosso aus Kamerun, dessen Verkleidungssucht selbst vor Diktatoren nicht zurückschreckt, umgepolt zur Witzfigur mit roten Schühchen, Designerbrille und Sonnenblumen als Hoheitszeichen.

Plötzlich hat der Orang-Utan glitzernd lackierte Fingernägel

Unwillkürlich denkt der westliche Betrachter an die postmodernen Rätselspiele der Amerikanerin Cindy Sherman, die nie ihr wahres Gesicht zeigt und immer als eine andere auftritt. Aber stimmt der Vergleich? Folgen die afrikanischen Künstler den Westmustern der Kunst? Vielleicht. Vielleicht aber pflegen sie auch nur ihre eigene Tradition, die Tradition der Maske. Schon immer diente sie dazu, sich in Ritualen dem Unbegreiflichen zu stellen, die eigenen Ängste zu bannen, das Bedrohliche zu beherrschen. Und noch heute spricht aus vielen Fotos und Installationen eine Angst: vor Selbstverlust, vor der Allmacht der Stereotypen und des Marktes. Nur dass die meisten Künstler nicht länger zum Schnitzmesser greifen, sondern zur Kamera.

Andere wiederum besinnen sich auf die Collage, sie lassen Heute und Gestern zusammenfließen, Mensch und Tier verschmelzen. So sind die grauhäutigen Mischwesen von Jane Alexander aus Südafrika gleich in allen drei Ausstellungen zu sehen, gespenstische Miniaturmenschen mit Affenkopf und im adretten Anzug oder erstarrte Kinder, die eine Ziegenmaske tragen. Nie weiß man genau, ob hier Menschen zum Tier werden oder Tiere sich vermenschlichen. Nie, ob nur ein düsterer Fasching aufgeführt wird oder ob die Masken fest verwachsen sind und der Albtraum für immer Alltag bleibt.