Die argentinische Regierung erlebte vergangene Woche ihre erste schwere Krise seit der Wahl von Präsident Nestor Kirchner vor eineinhalb Jahren. Grund waren Ausschreitungen der organisierten Arbeitslosen, die das Land seit Monaten mit gewalttätigen Übergriffen auf Unternehmen und öffentliche Einrichtungen in Atem halten (ZEIT Nr. 17/04 und 30/04). Bisher kamen Kirchner die Proteste nicht ungelegen. In Verhandlungen mit internationalen Geldgebern drohte er gern damit, die Arbeitslosenorganisationen würden das Land ins Chaos stürzen, wenn man seiner Regierung nicht neuen Kredit einräume.

Doch nun scheint ihm die Situation zu entgleiten. Zuletzt haben einige hundert der so genannten piqueteros gemeinsam mit einem bunten Gemisch radikaler Linksparteien, Transvestiten und Prostituierten aus Protest gegen ein Gesetz zur Eindämmung illegaler Straßenverkäufer und Straßenprostitution stundenlang das Stadtparlament von Buenos Aires belagert und stark beschädigt. Die im Gebäude befindlichen Abgeordneten und Angestellten mussten sich alleine ihrer Haut erwehren. Von der Polizei war nichts zu sehen.

Kirchner zog den Justizminister und einen Staatssekretär für die Blamage zur Verantwortung. Beide nahmen ihren Abschied - doch nicht ohne ein paar pikante Details bekannt zu geben. Sie hätten auf direkten Befehl des Präsidenten gehandelt, berichtete Staatssekretär Norberto Quantin. Fünf Stunden lang habe man in der Regierung über Maßnahmen gegen die Ausschreitung am Stadtparlament diskutiert. Als ich jedoch vorschlug, Wasserwerfer einzusetzen, taten Kirchners Leute so, als hätte ich den Tiananmen-Platz mit Maschinengewehren beschießen wollen, so Quantin. Und Justizminister Gustavo Beliz fügte an: Kirchner exerziert seine Macht in einer sehr brutalen Form. Seither ist der Präsident angeschlagen, denn seine Macht beruht nicht zuletzt auf seiner Popularität unter den Arbeitslosen. Mit denen scheint er nun brechen zu wollen. Argentinien hat ein schweres Sicherheitsproblem, sagt er neuerdings, und gibt erstmals zu: Wir mögen Fehler gemacht haben. Das System Kirchner bröckelt.