Auf diesem Weg wird niemals jemand gehen. Links und rechts graue Bordsteine, dann eine Rinne aus Granitblöcken, in der Mitte Betonplatten. Am Schluss ein Foto, danach wird alles wieder abgerissen. Doch so weit ist es längst nicht. Drei von fünf Metern fehlen noch – dort bedeckt gelber Sand den Boden der Straßenbauer-Werkstatt im Überregionalen Ausbildungszentrum (ÜAZ) von Waren an der Müritz.

Björn Lennmann sitzt auf einem Stapel grober Gehwegplatten und stützt das Kinn in die linke Hand. Die Rechte weist mit einer Dachlatte auf einen Rinnstein. "Der da." Alexander Larer – Blaumann, kräftige Arme, Gelfrisur – legt die Wasserwaage an, angelt nach einem Plattenhammer. Dumpf fällt der schwere Gummikopf herab. Zweieinhalb Kilo treffen den Block. "Ist gerade." Bewegungen in Zeitlupe, die beiden 20-Jährigen sind alles andere als schnell. Im ÜAZ lernen sie Tiefbaufacharbeiter. Nicht ihr Traumberuf, Metaller oder Kfz-Mechaniker, das wär’s gewesen. "Aber das hier ist das Beste, was man kriegen kann", sagt Björn. Und ist froh, überhaupt einen Ausbildungsplatz zu haben.

Allerdings lernt er hier nicht in einem Betrieb. Nur noch ein Viertel aller Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern bildet aus. Bundesweit fehlen so viele Ausbildungsplätze wie nie zuvor. Und die Arbeitsämter schieben seit Jahren eine Bugwelle unvermittelter Schulabgänger vor sich her. Die werden in verschiedensten Maßnahmen geparkt und drängen anschließend doch wieder zurück auf den Ausbildungsmarkt. Am 30. September vergangenen Jahres standen 35000 Bewerber um eine Lehrstelle auf der Straße. Mehr als 46000 weitere Jugendliche gingen nach Berechnungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn notgedrungen weiter zur Schule oder jobbten. Demnach fehlten 81000 Ausbildungsplätze. Einige Fachleute erwarten dieses Jahr ähnliche Zahlen. In der Bundesregierung hält man von solchen Prognosen nichts und verweist auf den Ausbildungspakt, den Regierung und Wirtschaft geschlossen haben. Darin verpflichtete sich die Wirtschaft dazu, 30000 neue Lehrstellen und 25000Praktika bereitzustellen. Nun melden die Kammern zwar bereits eine Zunahme der Lehrstellen um 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr, doch das BIBB und die Bundesagentur für Arbeit vermuten einen Vorzieheffekt – viele Ausbildungsverträge würden jetzt früher als bisher abgeschlossen.

Björn mustert sein Werk, die Hände in den Hosentaschen. "Ganz gerade ist das nicht." Er beugt sich vor. Die Finger greifen abermals nach dem Rinnstein. Ein kleiner Ruck. Er tritt zurück, peilt über eine Kelle, fährt mit dem Blatt zwischen die Steine. Es kratzt metallisch. "Na ja, könnte besser sein. So weit, so gut." Dann ist Frühstückspause.

Angehende Tischler, Straßenbauer, Holzbaufacharbeiter, Maurer hocken im sonnigen Hof, rauchend, dösend. Keiner von ihnen hat viel mehr als einen mittelmäßigen Hauptschulabschluss vorzuweisen, dazu haben die meisten ein, manchmal sogar zwei Berufsvorbereitungsjahre absolviert. Mit neunzehn, zwanzig Jahren blieb für sie nur die außerbetriebliche Ausbildung, ebenso ergeht es bundesweit rund 60000 Lehrlingen. Sie werden vom Arbeitsamt gefördert, wenn sie sozial benachteiligt oder leicht behindert sind. Oder werden von Bund und Ländern als "Marktbenachteiligte" alimentiert, wenn sie in strukturschwachen Regionen leben, wo es nicht genügend Lehrstellen gibt.

Jeder neunte Ausbildungsplatz, das belegt der Berufsbildungsbericht, ist bereits staatlich finanziert. Die Bundesbildungsministerin warnt deshalb vor einer "schleichenden Verstaatlichung" der Berufsausbildung. Dennoch will Edelgard Bulmahn jedem Jugendlichen eine Lehrstelle anbieten, notfalls eben eine außerbetriebliche. Schließlich könnten der deutschen Wirtschaft sonst 2015 bis zu 3,5 Millionen Fachkräfte fehlen.