Aue

Am Wochenende haben die Fans ihre Bundesliga wieder. Allein es fehlt im Augenblick der rechte Glaube an den deutschen Fußball. Ihm geht es wie dem Aufbau Ost. Große Transfersummen und Sonderkommissionen schaffen noch keine Global Player. Abstiegsangst beherrscht die Fußballnation wie das richtige Leben. Die Verlierer im Osten hängen der torlosen Sicherheit des Sozialismus nach. Die im Westen trösteten sich im Fritz-Walter-Wetter dieses Sommers mit dem Wunder von Bern. Wir waren das Volk, endlich wieder, 1954.

Doch wer vollbringt heute noch Wunder? Aue, zum Beispiel, und sein FC. Aue wo? Aue im sächsischen Erzgebirge, Aue im Winkel zwischen Thüringen, Bayern und Tschechien. Seine 18500 Einwohner passen gerade ins Stadion. Das ist oft ausverkauft, weil die ganze Region hinter ihren Sportlern steht. Fußballer und Fußballerinnen, Handballer und Ringer haben sich in der 2. Bundesliga etabliert. Aues beste Betriebe, geführt von Erzgebirglern, exportieren in alle Welt. Die alte Silberstadt hat ihre Schulden deutlich unter den Landesdurchschnitt abtragen können. Der FC mit dem einheimischen Unternehmer Uwe Leonhardt an der Spitze und Klaus Toppmöllers Sohn Dino im Sturm ist gänzlich schuldenfrei. Der Etat beträgt 5,6 Millionen Euro – weniger als einer der Stars vom börsennotierten Schuldenmacher Dortmund allein kostet. Dennoch führen Traditionsvereine wie Dresden, Leipzig, Magdeburg ein Kümmerdasein im Schatten der lila "Veilchen" aus Aue.

Halt! Ist etwa von jenem Aue die Rede, aus dessen Schächten das Uran für die sowjetischen Atombomben kam? Der Schrecken der dorthin abkommandierten Häftlinge zu Beginn der Nachkriegszeit? Das Dorado der Kumpel im Ulbricht-Land, die der Parole "Ich bin Bergmann – wer ist mehr?" folgten, auf Feldbetten in Dachkammern schliefen und vom Lohn ihren Bräuten die damals schier unerschwinglichen Nylonstrümpfe schenken konnten? Die metallurgische Apotheke der DDR, in der alles produziert wurde, was Hallstein-Doktrin und Embargos von der "Zone" fern hielten? Die Giftküche mit den Braunkohleschloten der Nickelhütte, deren Abgase winters die Mäntel muffig durchdrangen und sommers die Bienenstöcke auf den Höhenrücken vernichteten? Wo das Wismut-Kombinat mit seinem Uranbergwerk der Staat im Staate war, dem auch der Sportverein Wismut Aue gehörte…

Ja, zugegeben, das war der Ort, und doppelt so viele Einwohner wie heute zählte er unter seiner Dunstglocke. Aber dieses Aue gibt es nicht mehr. Die neue Energie der Stadt hat die Braunkohleschwaden vertrieben aus dem Talkessel, durch den sich der Ort entlangzieht. Ähnlich wie eine andere alte Silberstadt liegt es da, die noch 1989 ebenso viele Einwohner zählte. Und die dann, 1995, auf schreckliche Weise unterging: Srebrenica. Die Menschen in und um Aue verloren nur ihre Arbeit, schlimm genug für sie. 7000 beschäftigte die Wismut, bevor das Kombinat nach dem Ende der DDR schloss. Ein paar 100 blieben, die mit Bundesmilliarden die Schlachtfelder des Uranbergbaus sanieren sollten. Inzwischen können sie ihre Erfahrungen exportieren.

Die Fördertürme sind verschwunden, die nackten Halden auch, die das Land wie gewaltige Erdrutsche verunstaltet hatten. Halde 336 türmte sich 150 Meter hoch aus dem Schutt der Grabungen, das Geröll war kontaminiert. Eine grüne Pyramide ist daraus geworden, ohne Spitze, auslaufend in Wiesen mit See und Sonnenuhren, mit Kur- und bald auch Golfanlagen. Nach den Verwüstungen eines halben Jahrhunderts erscheint das alles fast schrullig-schön, wie ein überdimensionaler Fürst-Pückler-Park. Von den Hängen wachsen wieder blühende Landschaften nach Aue hinein. Der Bürgermeister passt dazu. Kohl heißt er, Heinrich Kohl, CDU.