Es ist das Schicksal aller politischen Dichter, nicht nach ihrem literarischen Vermögen, sondern nach ihrer politischen Meinung beurteilt zu werden. Dagegen dürften sie nichts einzuwenden haben, aber leider fußt das einseitige Urteil meist auf einem fatalen Vorurteil, dass nämlich der politische Dichter von Hause aus unfähig sei zu dichten, und dieses angebliche Unvermögen wird dann ins Feld geführt, um die politische Meinung des betreffenden Dichters zu diskreditieren. Rolf Hochhuth hat das seit dem Erscheinen seines Stellvertreters oft erfahren - wer Hochhuths renitenten Moralismus angreifen wollte, bestritt seine literarische Satisfaktionsfähigkeit. Tatsächlich lieferte er in seinem gerechten Zorn den Gegnern immer wieder Argumente. Auch in einem neuen Sammelband finden sich genügend polterige Sittenpredigten - daneben jedoch eindrucksvolle Belege für die Geschicklichkeit und Verehrungswürdigkeit dieses Dramatikers. Vor allem der Fünfakter Nietzsches Spazierstock, eine tragische Groteske aus dem Dritten Reich, zeigt die Schönheit konsequent dialektischen Denkens.

Erzählt wird die Geschichte eines Jungen, dessen Vater, weil er sich weigerte, mit Heil Hitler! zu grüßen, im KZ umkam. Der Sohn täuscht eine Zwangsneurose vor: Manisch entbietet er seinen Landsleuten den Deutschen Gruß, wer nicht zurückgrüßt, wird verprügelt. Die Ärzte der Irrenanstalt aber, wohin der vorgebliche Kranke eingeliefert wird, verzweifeln an der irren Logik dieses Falles. Sie müssen als Wahnsinn attestieren, was normalerweise bei Todesstrafe anbefohlen ist. Effektvoller kann man die perverse Krankheitsmetaphorik des Faschismus nicht persiflieren.

Rolf Hochhuth: Nietzsches Spazierstock

Gedichte, Dramatik, Prosa - Rowohlt Verlag, Reinbek 2004 - 429 S., 12,90 e