Verstummt schien sie seit langem und war dennoch immer im Ohr: die Stimme von Wolfgang Ullman. Sie war die Stimme des Runden Tisches, das weiche Dresdener Idiom, die Mischung aus unverbrauchter Prinzipienfestigkeit und freundlicher Eloquenz, aus utopischem Elan und präziser politischer Kritik. "Demokratie jetzt" war nicht nur der Name seiner Bürgerrechtsorganisation, sondern auch jener Imperativ, den er wie kein anderer verkörperte. Seine Sprache ließ daran glauben, dass der Runde Tisch allein die gegebene Form sei, um den gesellschaftlichen Umbruch der DDR zu gestalten. Nun wirkt sein Tod wie eine Erinnerung, wie ein Nachtrag zu einer abgeschlossenen Geschichte. Aber zugleich erscheint die Bühne der Berliner Republik plötzlich verarmt, spürt man, dass da eine ganze Dimension abhanden kam.

Nichts demonstriert die politische Verarmung mehr als der schmallippige Nachruf der grünen Parteiführung. Zu seinem Engagement in der Verfassungsdebatte nach der Wiedervereinigung fallen Angelika Beer und Reinhard Bütikofer nur die Worte von der "lebhaften intellektuellen Debatte" ein, die er "in Gang gebracht" habe. Nachdem er auf dem Erfurter Parteitag 1999 mit Beifall verabschiedet wurde, galt er für die Grünen nur noch als querulatorischer Anachronist. So hat er am Ende noch einmal eine symbolische Rolle: Er steht für das Verschwinden der Bürgerrechtler der ersten Stunde. Sie leben erneut in einer Nischengesellschaft, geachtet und notorisch überhört. Alle Parteien haben sie still ausgesondert. Sie passen auch nicht mehr in die Zeit: Denn jetzt geht es allen Parteien darum, Reform und Machterhaltung (oder Machteroberung) miteinander zu verbinden. Da stören gesellschaftspolitische Utopien, Visionen radikaler Demokratie, und da stört vor allem die spezielle Gabe des Kirchenhistorikers Ullman: Für seine Mischung aus Bergpredigt und Verfassungspatriotismus gibt es keine Agenda.