Washington

Trotz John Kerrys gewinnendem Auftritt waren nach dem Parteikonvent der Demokraten auch griesgrämige und enttäuschte Stimmen zu hören. Man sei Zeuge einer inhaltsarmen Show-Veranstaltung geworden. Das Spektakel habe dem Präsidentschaftskandidaten, gemessen in Umfragewerten, wenig gebracht.

Zwei Urteile, zwei Missverständnisse.

Vor dem Hauptprogramm trafen sich all-abendlich Delegationen mehrerer deutscher Parteien zu Fleischspießchen und Bier. Zunächst zeigten sich die Parlamentarier überwältigt von Gigantomanie, Inszenierung und Disziplin. Doch die Ehrfurcht schlug schnell um in Kritik. Irgendwann mochten die Gäste dieselbe Botschaft in immer neuer Verpackung nicht mehr hören. Jede Spontaneität, jede Debatte, jeder Streit schienen von Kerrys Kontrolleuren unterbunden zu werden. Jeder Satz wirkte abgesprochen, jede Rede fürs Fernsehen mit der Stoppuhr vermessen. Eine ganze Partei ließ sich anscheinend von ihrem Kandidaten am Gängelband führen – wie ein kommunistischer Parteikonvent, bloß hübscher inszeniert von einem Hollywood-Regisseur.

So mag man das sehen, gewiss. Man darf aber auch annehmen, dass deutschen Abgeordneten Kungelei über Kandidaturen aus Gewohnheit besser gefällt als demokratische Urwahlen mit anschließender Akklamation durch Delegierte. Jedenfalls verstellt die amerikanische Inszenierung von Einigkeit leicht den Blick auf die eigentliche Sensation des Konvents: die Einigkeit der Partei. Die war nämlich nicht nur gespielt. Die Demokraten blicken auf eine Geschichte von Fraktionskämpfen zurück. Jahrzehntelang galten Parteitage als unkontrollierbar. Auch Bill Clinton hatte die Partei nur einmal, 1992, im Griff. Diesmal unterwarfen sich die Delegierten willentlich der Parteitagsregie. Denn ein einzelner Mann führt alle Flügel der Partei zusammen wie niemand vor ihm. Und dieser Mann heißt George Bush. Ihn aus dem Weißen Haus zu verjagen ist das heilige Ziel, das alle Demokraten zusammenschweißt. Drum war der Parteitag mehr als seine glatte, strahlende Oberfläche. Er demonstrierte den Willen und die Entschlossenheit des anderen Amerika. Es präsentierte sich eine Partei, mit der wieder zu rechnen ist, weil sie glaubt, Amerika retten zu müssen.

Wenngleich in penetranter Wiederholung, haben die Demokraten ihre Sprache wieder gefunden. Nach den Terroranschlägen von 2001 schien es, als müssten sie sich für jede Meinungsverschiedenheit mit der Regierung entschuldigen. Erst mit den Vorwahlen fanden sie zu einer kohärenten Kritik an der Politik George Bushs. Der Parteitag markiert nun den Versuch, in die Offensive zu gehen und die verlorenen Wähler der Mitte zurückzugewinnen. Überrascht beobachtete das Magazin US News and World Report "flaggeschwenkenden Patriotismus, Respekt vor dem Militär sowie Bezugnahme auf Gott und auf Werte". Seit den sechziger Jahren wirft die Rechte den Demokraten vor, sich vom "Mainstream" zu verabschieden. Sie förderten die Libertinage. Familie und Glaube seien ihnen gleichgültig. Sie zögen Genusssucht harter Arbeit vor. Sie tolerierten sogar Verbrennungen amerikanischer Flaggen. Der Vorwurf, vaterlandslose Gesellen zu sein, lastet seit der Opposition gegen den Vietnamkrieg auf den Demokraten.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 standen sie als potenzielle Verräter da. Der Parteitag erschien den Delegierten wie die Befreiung aus der Gefangenschaft. Es war ihnen eine Erlösung, die Wortfelder um "Werte", "Stärke" und "Patriotismus" der Usurpation durch die Republikaner zu entreißen. Und niemand tat es lustvoller als der Kandidat selbst. Er spricht damit Wechselwähler an, die Bush einst vertrauten, sich nun aber hintergangen fühlen.