Gegen die fast uneingeschränkte Zumutbarkeit von Arbeit bei Hartz IV gibt es heftige Proteste. Dabei wird häufig als Schreckgespenst ausgemalt, Arbeitslose würden zu Jobs gezwungen, die für sie entwürdigend sind, die eine nachhaltige Entwertung ihrer beruflichen Qualifikation bedeuten oder miserabel entlohnt werden.

Jedoch ist, praxisnah betrachtet, das Schreckgespenst nur ein Papiertiger.

Kein Arbeitsloser kann zu einem ungewollten Job gezwungen werden, allenfalls droht bei einer Ablehnung eine dreimonatige Leistungskürzung um etwa 100 Euro. Diese wird aber nur fällig, wenn der Arbeitslose eine zumutbare Beschäftigung ausdrücklich ablehnt oder durch schuldhaftes Verhalten vereitelt, etwa indem er entgegen der Aufforderung der Arbeitsagentur keine Bewerbung einreicht oder nicht zu einem Vorstellungstermin erscheint.

Praktisch gesehen, gilt aber auch noch etwas anderes: Wer einen Job partout nicht will, kann Bereitschaft dafür vorgeben und gleichzeitig sicherstellen, dass er ihn nicht erhält - oder sich einfach zum Vorstellungstermin krank melden.

Weil Firmen normalerweise nicht daran interessiert sind, unwillige Bewerber einzustellen, bei denen sie eine nachlässige Aufgabenerfüllung, häufige Krankmeldungen oder eine baldige Kündigung befürchten müssen, dürften meist schon subtile Signale für eine Ablehnung genügen. Für solche Signale gibt es etliche Möglichkeiten, die faktisch kaum als schuldhafte Vereitelung der Beschäftigungsofferte geahndet werden können. Oft genügt eine unvorteilhafte persönliche Präsentation beim Vorstellungstermin oder die Erwähnung gesundheitlicher Probleme (etwa Migräne).

Dabei ist eine absichtliche Vereitelung kaum nachzuweisen, zumal die Unternehmen den Arbeitsagenturen bei erfolglosen Vermittlungsvorschlägen meist nur die Rückmeldung geben, der Bewerber sei ungeeignet oder sie hätten andere vorgezogen. Denn für eine Mitteilung des Verdachts auf Unwilligkeit müssten sie zusätzlichen Zeitaufwand für eine nähere Darlegung in Kauf nehmen und zudem das Risiko einer Vorladung beim Sozialgericht - falls die Arbeitsagentur auf ihren Hinweis hin Leistungen kürzt und der Betroffene dagegen klagt.

In der Regel werden die persönlichen Ansprechpartner der Arbeitslosen (Fallmanager) ohnehin davon absehen, ihren Klienten Jobs zuzumuten, die diese nicht wollen. Denn bei unwilligen Bewerbern ist zu befürchten, dass darüber verärgerte Stellenanbieter die Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur einschränken. Deshalb werden sich die Fallmanager darum bemühen, für Stellenangebote Arbeitslose vorzuschlagen, von denen sie annehmen, dass diese den Job akzeptieren. Bei der angestrebten intensiven Betreuung mit höchstens 75 Klienten pro Fallmanager sollten diese ihre Klienten recht gut kennen.