Vor 15 Jahren, als die Mauer fiel und die sozialistische Misere in Form verrotteter Chemiebetriebe beziehungsweise heruntergekommener Gründerzeitvillen offenbar wurde, konnte man sich noch nicht vorstellen, wie rasch zumindest die Häuser saniert werden würden. Heute sind die Fassaden wieder frisch wie am ersten Tag, und manche Leute glauben, nun sei die Hauptarbeit getan. Jetzt geht es aber erst richtig los. Die Stadt Halle an der Saale beispielsweise will schon lange ihre hässliche sozialistische Hochstraße über den Riebeckplatz (ehemals Ernst-Thälmann-Platz) abreißen, nachdem sie bereits das nebenstehende Denkmal zur Geschichte der Arbeiterbewegung entfernt hat. Nun ist aber die besagte Brücke für den Innenstadtverkehr nicht ganz unwichtig und ein Abriss überdies sehr teuer.

Deshalb hat man, pars pro toto, zunächst das fliegenpilzförmige Dach über der Verkehrsinsel in der Mitte der Hochstraße abgerissen. Die Fußgänger, die dort auf ihre Straßenbahn warten, stehen nun öfter im Regen, aber dem postsozialistischen Erneuerungsfuror ist Genüge getan. In einer Bewerbung um den Titel einer Kulturhauptstadt 2010 präsentiert sich das 1200 Jahre alte Halle als die Wandlungsfähige mit Charme. Wenn die Verantwortlichen mit dieser Strategie durchkommen, könnte sich die Stadt den vermeintlichen Erfordernissen der Zukunft bis zur Unkenntlichkeit anverwandeln. Man kann nur hoffen, dass es künftig nicht allzu oft regnet.