Als die 820 Mitarbeiter des französischen Bosch-Werkes in Vénissieux bei Lyon Mitte Juli darüber abstimmen sollten, ob sie künftig eine Stunde pro Woche mehr arbeiten wollen, schien ihnen die Wahl nicht schwer zu fallen. Angesichts von 98 Prozent Ja-Stimmen feierte Guy Maugis, Präsident von Bosch Frankreich, das Ergebnis hinterher als gemeinsamen Erfolg, während die linke Gewerkschaft CGT nur von "Erpressung" sprach. Denn hätten die Mitarbeiter den Übergang von der 35 zur 36-Stunden-Woche nicht akzeptiert, hätte Bosch seine Drohung wahr gemacht und eine nötige Investition von zwölf Millionen Euro nach Tschechien transferiert.

Die Diesel-Einspritzpumpen aus Vénissieux sind Auslaufmodelle, die sich wegen der EU-Umweltvorschriften nur noch auf außereuropäischen Märkten verkaufen lassen. Um sicherzustellen, dass die Produktion am Ort modernisiert wird, drängte Michel Bernot, Vertreter der gemäßigten Gewerkschaft CFDT, die Bosch-Werker zur Zustimmung: "Wir haben durch unsere Zugeständnisse den Standort gerettet. Sonst wären die Stellen schrittweise bis zur Schließung des Werkes abgebaut worden."

Vom Supermarkt bis zum Elektromulti wollen Firmen länger arbeiten lassen

Verhandlungen laufen derzeit auch bei der Supermarktkette Carrefour, dem europaweit größten Geflügelzüchter Doux und bei SEB, dem Weltmarktführer für Haushaltsgeräte. Die Begründung lautet überall in etwa gleich: "Wir sind von 1600 Arbeitsstunden jährlich auf 1407 gesunken und damit nicht mehr wettbewerbsfähig", sagt François Muller, Direktor eines SEB-Zweigwerkes in den Vogesen. Das Unternehmen liegt sogar noch unter den Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Letztere weist für die Industriestaaten eine durchschnittliche Jahresarbeitzeit von 1762 Stunden aus – für Frankreich aber nur 1469 Stunden.

Inzwischen debattiert die ganze Republik über längere Arbeitszeiten, doch verläuft die Diskussion anders als in Deutschland. Während zwischen Flensburg und Passau Betrieb für Betrieb um Zugeständnisse der Arbeitnehmer gerungen wird und ein Kräftemessen vor allem zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften stattfindet, ist die Arbeitszeit in Frankreich eine Frage der hohen Politik. Wie lange die Franzosen ans Fließband oder ins Büro müssen, ist nicht in Tarifverträgen geregelt, sondern ganz zentralistisch per Gesetz festgelegt, auch wenn Betriebe einigen Spielraum besitzen. Die französische Regierung könnte daher eine 36- oder 40-Stunden Woche anordnen. Sie zögert aber noch, sich festzulegen, weil sie die politischen Folgen fürchtet.

Immerhin schon seit dem Herbst des Jahres 2003 überlegt die konservativ-liberale Regierung, eines der zentralen Reformprojekte ihrer sozialistischen Vorgänger zu schleifen: das Gesetz über die maximale Wochenarbeitszeit von 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich, benannt nach der damaligen Sozialministerin Martine Aubry. Der Grund, dass die Regierung trotz ihrer überlegenen Mehrheit in Parlament und Senat die Novellierung nicht per Federstrich durchführt, liegt in der enormen Protestbereitschaft der französischen Arbeitnehmer. Mit geradezu therapeutischem Einfühlungsvermögen versucht die Regierung daher, das Volk für eine Flexibilisierung der Regelarbeitszeit zu erwärmen. Und das mit Erfolg: Laut jüngsten Umfragen begrüßt eine klare Mehrheit der Franzosen eine Lockerung des Gesetzes.

Wie das geschieht, ist beispielsweise am neuen Superminister für Wirtschaft und Finanzen, Nicolas Sarkozy, zu beobachten. Auch er hat die Reform der Arbeitszeit zu seinem Hauptthema gemacht. Doch welche Linie der Minister verfolgt, ist nicht ohne weiteres zu erkennen. Mal gibt er den Verteidiger von Unternehmerinteressen, wenn er etwa gegen die 35-Stunden-Woche wettert. Mal fordert er die Unternehmer wählerwirksam auf, Mehrarbeit auch zu bezahlen: "Eines unserer größten Probleme ist die ungenügende Kaufkraft vor allem der unteren Einkommensgruppen", sagt Sarkozy. "Wir brauchen mehr Arbeit und mehr Lohn." Und weil der Minister neuerdings gern gegen Deutschland keilt, setzt er einen drauf und sagt über eine Lösung, die Siemens kürzlich durchsetzte: "Wenn Siemens seine Leute mit der Androhung einer Werksverlegung zu unbezahlter Mehrarbeit zwingt, ist das eine Erpressung, die wir nicht hinnehmen."

Sarkozy propagiert also gleichzeitig angebots- und nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik. Wie das funktionieren soll, mag kein französischer Ökonom ernsthaft kommentieren. So bleiben ihre Äußerungen vage: "Die Entscheidung des Ministers, den Konsum zu stärken, ist richtig, weil davon 55 Prozent des Sozialprodukts abhängen", sagt Laure Maillard von der Finanzberatung CDC-Ixis, und Jean-Claude Trichet von der Europäischen Zentralbank lobt Sarkozys Vorstöße nur pauschal: "Alles, was mehr Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und eine größere Produktivität bringt, geht in die richtige Richtung."