Idyllisch ist es in Prien am Chiemsee – das betrifft das Leben genauso wie das Wirtschaften. In dem kleinen süddeutschen Ort sind Einzelhändler und Dienstleister geeint von einer Idee, die sich als äußerst einträglich erwiesen hat. Ob Apotheker oder Bäcker, Optiker oder Steuerberater – die Einwohner von Prien können seit kurzem mit einer neuen Währung bezahlen: dem Chiemgauer. Bereits knapp 150 Gewerbetreibende akzeptieren die Währung, die vor anderthalb Jahren an den Start ging und sich als kleine Erfolgsgeschichte erweist. "Monatlich werden bereits 12000 Euro in Chiemgauer umgetauscht", sagt Christian Gelleri, Initiator des Chiemgauer und Wirtschaftslehrer an der örtlichen Waldorfschule.

Sein Ziel, erklärt Gelleri, sei es, "regionale Kreisläufe zu erhalten, die durch die Globalisierung endgültig zusammenzubrechen drohen." Und tatsächlich hat die anfänglich gern als Spielerei belächelte Initiative im Kleinen neue Wirtschaftskreisläufe entstehen lassen. So findet etwa eine bislang ausschließlich überregional tätige Käserei nun in der Nachbarschaft neue Kunden, mit denen in Chiemgauer abgerechnet wird. Gegenüber dem Finanzamt wird der Chiemgauer als Fremdwährung bewertet, bei einem Kurs von 1:1 zum Euro taucht somit jeder Chiemgauer gleichwertig zum Euro in den Büchern auf. Der Erfolg lässt Initiator Gelleri inzwischen sogar über ein elektronisches Zahlungssystem nachdenken.

Regionalgeld stützt die Firmen am Ort, nicht die Finanzmärkte

Die etwas skurril anmutende Idee erobert Deutschland. Parallel zum gesetzlichen Zahlungsmittel bringen inzwischen bundesweit rund 50 Initativen verschiedene Komplementärwährungen wie den Chiemgauer in Prien oder den Roland in Bremen in Umlauf. Sie setzen auf den Charme ihrer Heimatregion und treten an gegen die Internationalität des Euro. Sparstrumpf und Spekulation wollen sie das Geld entziehen, Bürger wieder zu Konsumenten machen und so die arg gebeutelte heimische Wirtschaft stützen. Selbst die Sparkassenchefs in Delitzsch-Eilenburg bei Leipzig erwägen die Einführung eines Alternativkreislaufs, um dem Einzugsgebiet, einer strukturschwachen Region mit einer Arbeitslosenquote von 20 Prozent, wieder auf die Beine zu helfen. Ein Gutachten hat bereits rechtliche Fragen geklärt; demnach könnte weder einer Komplementärwährung noch dem geplanten regionalen elektronischen Zahlungssystem der Sparkasse ein Riegel vorgeschoben werden.

Raus das Geld und rein in die Geschäfte, könnte das Motto dieser Bewegung lauten, die ihre Vorbilder insbesondere in Asien und Amerika findet. So gibt es in Japan bereits 175 Varianten solch alternativen Geldes, etwa unter den Namen Peanuts, Yufu und Ohmi, in Kanada hat sich der Gogo etabliert. Allen Initiativen gemein ist, dass das Zahlungsmittel nur regional gilt. Die Begründung dieses Prinzips liefert Margrit Kennedy, die lange als Architekturprofessorin an der Universität Hannover lehrte und heute eine Protagonistin der Regionalwährungsbewegung ist. Ein Weltwirtschaftssystem, in dem zweistellige Arbeitslosenquoten, kränkelnde Sozialsysteme und kollabierende öffentliche Haushalte zur Norm geworden sind, will sie nicht akzeptieren. Im Zentrum ihrer Kritik stehen die internationalen Finanzmärkte: "Außerordentlich zerstörerisch für soziale, ökonomische und ökologische Systeme ist die unbegrenzte Mobilität des Kapitals, das immer dahin fließt, wo der höchste Gewinn lockt. So aber werden weder soziale noch lokale Bedingungen beachtet." Probleme wie etwa Arbeitslosigkeit hätten diffuse globale Ursachen, aber konkrete lokale Wirkungen. Das dürfe nicht so bleiben.

"Mit Regionalwährungen werden Regionen in die Lage versetzt, ihre Probleme weitgehend selbst zu lösen", sagt Kennedy. Alternativgeld sei kein "gewinnbringendes Geld, wie es der Euro ist, sondern ein nutzbringendes". Durch die mit lokalen Komplementärwährungen erreichbare Entkoppelung der regionalen von der globalisierten Wirtschaft bekämen Verbraucher wieder ein Gespür für den Wert qualitativ hochwertiger Güter aus der eigenen Region. Unternehmen in einem begrenzten Umkreis würden sich vernetzen und lokale Wertschöpfungsketten schaffen. Die Finanzkraft der Region würde auf diese Weise gestärkt. Überschüsse blieben an Ort und Stelle, statt durch das internationale Finanzsystem zu vagabundieren. Das Ziel sind geschlossene lokale Wirtschaftskreisläufe anstelle des globalen Ausverkaufs.

Um diesem Prinzip zum Durchbruch zu verhelfen, wird, zumindest bei den hiesigen Alternativwährungen, sanfter Druck angewandt: Geld, das nicht ausgegeben wird, verliert an Wert. Wer zum Beispiel den Chiemgauer länger als drei Monate behält, muss einen quartalsweisen Wertverlust von zwei Prozent hinnehmen. Wie Monatsmarken für öffentliche Verkehrsmittel werden die Geldgutscheine mit einer Wertmarke versehen, die ihnen für nur ein Quartal Gültigkeit verleiht. Am Ende des Quartals ist ein Umtausch fällig. Wer das Geld wieder komplett in Euro zurücktauschen will, bekommt von der "Dezentralbank" fünf Prozent des Betrages abgezogen. Die so erhaltenen Gelder fließen gemeinnützigen Projekten zu.

Nach Erfahrung von Klaus Starke, Koordinator des Regionetzwerkes, einer Arbeitsplattform für komplementäre Währungen, beschert allein die Umlaufsicherung, von Starke als "umgekehrter Zins" bezeichnet, den beteiligten Händlern im Schnitt einen Umsatzzuwachs von zehn Prozent. Starke sieht ferner die Möglichkeit, den "fatalen Trend" zu kurzfristigen Einlagen mit der Folge kurzsichtiger Investitionen zu stoppen: "Eine regionale Wirtschaft braucht Stabilität in den Kreisläufen und langfristige Investitionen."

Genau davon wird auch abhängen, ob die Idee selbst auf Dauer tragfähig ist: Wenn es nicht gelingt, vom Erzeuger bis zum Verbraucher einen geschlossenen Kreislauf zu organisieren, dann wird das Zahlungsmittel immer exotisch bleiben und letztlich das Schicksal von Eintagsfliegen teilen. Es gibt regelrecht Standortfaktoren, die über Erfolg und Misserfolg einer Initiative entscheiden: "Je vielfältiger die wirtschaftliche Ausgangssituation ist, desto besser. Wichtig ist, dass sich eine Region noch selbst versorgen kann", sagt Alternativgeldexpertin Kennedy. Daher entstehen Komplementärwährungen in Deutschland eher in ländlichen Gebieten mit diversifizierter Wirtschaft wie dem Allgäu, Chiemgau und Münsterland.

Am wichtigsten für den Erfolg der Initiativen ist aber immer noch der Endverbraucher. Mangelt es diesem schlicht am Geld, hilft auch die schönste Wirtschaftsstruktur nichts. Denn noch gilt: Kein Euro, kein Regio. Einen Ausweg aus diesem Dilemma hofft Franz Galler gefunden zu haben, Vermögensberater und Vorsitzende des Sterntaler- und Talente-Tauschrings. Galler will die Ideen der Regionalwährung und des bargeldlosen Tauschrings zusammenbringen. "Bei uns zählen auch die Fähigkeiten und Kenntnisse, die jemand hat. Dafür gibt es Zeitkonten, die sich in Sterntaler tauschen lassen. So lässt sich über Zeit Geld schöpfen", erklärt Galler. So bekommt eine Friseurin zum Beispiel für einen Haarschnitt, der eine Stunde dauert, zehn Talente auf ihrem Zeitkonto gutgeschrieben – ein Preis, den die Tauschpartner vorher frei vereinbaren und der bares Geld wert ist. Denn zehn Talente entsprechen zehn Euro. Ein Drittel des derzeit 200 Mitglieder starken Verbundes im Berchtesgadener Land sind Unternehmer. Bereits heute ist die Währung mit dem Chiemgauer austauschbar.

Noch in Planung ist das Konzept einer neuen Regionalwährung, die ab September in der Bundeshauptstadt für neues Aufsehen sorgen dürfte: der Berliner im Stadtteil Prenzlauer Berg. Auch hier geht es darum, gewachsene Strukturen – in dem Fall den Kiez – vor dem Andrang anonymer Supermarkt- und Ladenketten zu bewahren. "Letztlich sind die Probleme überall gleich. Also muss es darum gehen, noch bestehende Wirtschaftsstrukturen im eigenen Umfeld zu erhalten und zu fördern", sagt Mitinitiator und Wirtschaftsingenieur Alexander Woitas. Unterstützung bekommt er auch von unerwarteter Seite: So fließen dem Projekt als Anschubfinanzierung 10000 Euro der landeseigenen Lotto-Gesellschaft und Mittel der Investitionsbank Berlin zu, und die Bundesdruckerei bot an, fälschungssichere Berliner zu drucken.

Rechtliche Probleme sieht Inititator Woitas nicht. Komplementärwährungen gelten als Gutscheine, die nur von denen genutzt werden können, die Mitglied im Trägerverein sind. "Im Grunde ist das nichts anders als Happy Digits, Miles & More oder Rabattmarken. Nur mit dem Unterschied, dass bei uns damit auch ein gemeinnütziges Moment verbunden ist", sagt er.

Bayerngeld für den Nordseeurlaub

Auch bei der Deutschen Bundesbank sieht man das Treiben der diversen Regionalwährungen gelassen, zumindest solange aus dem Trend noch keine Massenbewegung von makroökonomischer Bedeutung geworden ist. "Nur bei einer sehr stark zunehmenden Verbreitung solcher Währungen könnte es zu einer Störung der Notenbankpolitik kommen, da eine von der Notenbank nicht autorisierte Geldschöpfung stattfindet", sagt Gerhard Rösl von der volkswirtschaftlichen Abteilung der Bundesbank. Schließlich müsse die Notenbank direkt oder indirekt die Kontrolle über die gesamte Geldschöpfung in ihrem Währungsraum besitzen, um Preisstabilität garantieren zu können. "Konsequenterweise verbietet Paragraf 35 des Gesetzes über die Deutsche Bundesbank deshalb die Ausgabe von ›Nebengeld‹, wenn dieses geeignet ist, im Zahlungsverkehr das gesetzliche Zahlungsmittel zu verdrängen", sagt Rösl. Nur die Europäische Zentralbank darf Geld drucken und es in Deutschland über das System der Bundesbank und Landeszentralbanken ausgeben.

Während die Idee der Regionalwährung Kreise zieht und derzeit beim Sozialfonds der Europäischen Union sogar geprüft wird, ob einige europäische Zweitwährungen, darunter der italienische Credito, als europäische Regionalförderung anerkannt werden, übt der Unternehmensberater Egon W. Kreutzer Kritik: "So lange es noch parallel eine reguläre Währung gibt, wird das System nicht funktionieren, denn Außenhandels- und Zahlungsbilanzprobleme sind vorprogrammiert. Chiemgauer & Co taugen allenfalls als Marketing-Gag für eine Region." Eine derartige "währungspolitische Kleinstaaterei" werde den Gegebenheiten eines hoch industrialisierten und arbeitsteiligen Landes nicht gerecht. Und würden die von Kreutzer als "Landkreis-Dukaten" verschmähten Komplementärwährungen tatsächlich einmal die gesetzliche Währung ersetzen, "würden die Systeme überfordert zusammenbrechen". Schließlich ersetze eine hohe Umlaufgeschwindigkeit noch lange nicht die Geldmenge. "Das funktioniert allenfalls mit 40 gut verdienenden Birkenstockträgern um den Kirchturm herum", polemisiert Kreutzer.

Harte Worte, die Regionetzwerker Starke allerdings kaum etwas anhaben können. "Niemand geht es darum, den Euro zu unterwandern. Es geht um Ergänzen und nicht um Ersetzen", sagt Starke. Er und seine Mitstreiter arbeiten bereits an einem neuen, bedeutenderen Verrechnungssystem. Auf dass Bayern später einmal auch während ihres Nordseeurlaubs mit der Währung ihrer Heimat bezahlen können.