Kaum strahlt endlich die Sonne, da scheint er auch schon vergessen, der triefnasse Beginn dieses Sommers. Doch gerade jetzt hat man die Kraft zur Rückschau. Und dazu, sich für die mögliche Zukunft innerlich zu wappnen.

Es ist ja gut gegangen, gerade noch. Die schwersten Gewitterböen haben uns nicht erreicht. Der Garten steht noch, obwohl es wochenlang so fürchterlich gegossen hat. Wir waren eben wieder da, wo wir hingehören: bei jenen Sommern, die selbst mit Heinrich Heines geflügeltem Wort vom "grün angestrichenen Winter" nur sehr unzureichend beschrieben sind. Gärtner, denen kein Fluchtweg aus der Norddeutschen Tiefebene in sonnige Gebiete offen steht, tun besser daran, sich beizeiten ein dickes, sozusagen wasserdichtes Fell zuzulegen. Sonst besteht in Frühsommern wie diesem die Gefahr, dass sie irgendwann versuchen, sich hysterisch aufschluchzend in der nächsten überlaufenden Regentonne zu ertränken – nachdem eben die gesamte Rosenblüte waagerecht am Fenster vorbeigeweht worden ist. Denn unser mühsam erkämpfter Stoizismus ist ja so brüchig: Schon ein Balkonkasten genügt, möglichst einer mit regenempfindlichen Insassen, und sofort beginnt wieder das große Zittern. Saison für Saison.

Im Frühjahr herrschte noch, aller Statistik zum Trotz, rundum Zuversicht. Da hatten wir, das erste Mal seit einer Ewigkeit, Sternrußtau-Schwarz nicht für die normale Rosenblattfarbe gehalten und abends in Muße den Nachtkerzen zugesehen, statt mit dem scharf geschliffenen Distelstecher grimmig auf Molluskenpirsch zu gehen. Natürlich fühlte es sich ein wenig merkwürdig an, nicht passend zu den Hundstagen Islandpullover zu tragen. Auch an die Erkenntnis, dass die Gießkanne ein ebenso nützliches Accessoire sein kann wie die Kilopackung Schneckenkorn, mussten wie uns erst gewöhnen. So brauchten wir diesmal deutlich länger, um die Rückkehr zu 15 Grad plus Dauerregen routiniert zu bewältigen.

Zunächst übten wir uns in kollektiver Tatsachenverleugnung und krallten uns ebenso fest ans Prinzip Hoffnung wie an den Regenschirm: eiskaltes und klitschnasses Frühjahr? Ekelhafter Juni? Statistisch gesehen völlig normal.

Als dann jedoch pünktlich zum Sommeranfang die ominöse Wortschöpfung "Starkregen" mit unheilverkündender Regelmäßigkeit in die Wetterberichte zurückkehrte, begann die Moral zu bröckeln. Erinnerte das doch allzu sehr an den Sintflutsommer 2002, in dem ich mich damit vergnügt hatte, meine beiden Gummi-Entchen über die Gartenwege schwimmen zu lassen. Bis Siebenschläfer jedoch war noch nichts verloren. Dann pflegt sich das Sommer- und Gartenschicksal zu entscheiden: Kommt das Azorenhoch – oder nicht? Siebenschläfer kam, das Azorenhoch nicht.

Stattdessen kamen die Schnecken, und schlimmer noch: Sie erlebten offenbar ein Comeback in neuem Gewand. Ganz wörtlich: Bei Arion lusitanicus, der Spanischen Wegschnecke, konnte man auf immerhin eine uneingeschränkt positive Eigenschaft zählen: Sie ist normalerweise leuchtend orange gefärbt und damit schnell zu orten und ebenso schnell ins ewige Salatbeet zu befördern. Die stattlichen Exemplare jedoch, die jetzt unter meinen Blumentöpfen auftauchen, sind plötzlich überwiegend düsterbraun. Schöne Aussichten, diese lautlosen, hoch effizienten Fressmaschinen nun auch noch im Tarn-Outfit zu wissen. Das bedeutet eine ganz neue Qualität der Bedrohung im ständigen Kampf zwischen Molluske und Mensch.

Willkommen in der Realität also, und was bleibt übrig, als das Hier und Jetzt möglichst entspannt zu registrieren? Die Stauden sehen aus wie nach allzu engem Kontakt mit einer Straßenwalze, die Rosenblüte erinnert an mehrfach gebrauchte Taschentücher. Aber Erstere kann man immer noch aufbinden, und Letztere blühen zweimal. Alle Kirschen geplatzt? Die Amseln freut’s. Die Tomatenpflanzen reif zur Notschlachtung? Dafür mögen die Clematis viel Wasser. Nur dafür, dass die Königslilien völlig verdorben sind, gibt es wirklich überhaupt keinen Trost.

Oder doch, diesen: Erstens ist die Siebenschläfer-Regel – scheinbar – doch nicht unfehlbar. Zweitens: Gemessen an denen, die von den Unwettern des Frühjahrs richtig getroffen wurden, gehören wir wirklich zu den Glücklichen. Bis jetzt.