Einer der Besucher hat sein Opernglas mit in den Verhandlungssaal gebracht, minutenlang stiert er hinüber zum Angeklagten. Doch Jörg Immendorff will und will nicht aus seiner Starre erwachen, eingesunken lässt er den Prozess an sich vorbeiziehen, so als ginge es hier nicht um ihn, als sei dies nur eine raffinierte Kunstperformance, in der sich alles Zeitliche entzeitlicht.

Richter Jochen Schuster kennt sich nicht aus mit der Kunst, und von einem wie Douglas Gordon, der Hitchcocks Psycho auf ein 24-Stunden-Format dehnte, hat er nie gehört. Und doch handelt Schuster wie einer dieser Künstler der Entschleunigung. Längst hat Immendorff den Besitz von 6,639 Gramm Kokain gestanden, und eigentlich hätte der Prozess nach nur einem Verhandlungstag vorbei sein können. Schuster aber ist Detaillist, ein Stilllebenmeister, der seinen Verhandlungsgegenstand tagelang hin und her wendet, damit ihm nur ja keine Facette entgeht. Ob Immendorff denn normal veranlagt sei, will er wissen. Was dieser so alles an der Steuer vorbei verkauft habe. Warum er denn keinen erlernten Beruf und kein Abitur habe. Ja, einen so gnadenlosen Wahrheitsblick kann wirklich nur ein großer Künstler haben. Unanfechtbar steht Schuster über weltlichen Belangen, kümmert sich nicht um Immendorffs schwere, todbringende Krankheit, nicht um dessen Leiden. Allein ums Schauen und Ausstellen geht es in diesem Prozess, wie in jeder Galerie. Zu sehen ist die schrille Kunst der Selbstverliebtheit.