Was ist ein Gedicht? Alles, was auf eine Seite passt. Seitdem die Unterscheidung zwischen gebundener und nicht gebundener Rede an Bedeutung verloren hat, kann sich jeder in kurze Zeilen gebrochene Langsatz Gedicht nennen, und niemand kann etwas dagegen machen. Ob aber ein gutes Gedicht dabei herauskommt, dafür immerhin gibt es Kriterien, und eines davon ist ganz sicherlich die Sprache, ihre Form, ihr Rhythmus, ihr Klang. Die folgenden Zeilen zum Beispiel sind vielleicht rätselhaft, aber (abgesehen vom falschen Konjunktiv) klanglos, formlos, stumpf: "Ich sei ein Tier mit Hörnern, sagte er / würde immer in den ersten sieben Jahren des Lebens verweilen / Verließe ich sie, würde ich eingehen…"

Das Gedicht von Yoko Tawada gehört zu jenen acht Gedichten, die man in diesem Sommer in Bahnhöfen und an Bushaltestellen lesen kann: Ergebnis der Aktion "Poesie in die Stadt", die von acht Literaturhäusern organisiert wird (Berlin, Hamburg, Frankfurt, Salzburg, München, Köln, Basel, Stuttgart). Die teilnehmenden Dichter sind allesamt Träger des Chamisso-Preises. Er wird an deutsch schreibende Autoren vergeben, deren Muttersprache oder Herkunft nicht die deutsche ist. Darunter sind einige gute Schriftsteller wie etwa der aus der Mongolei stammende Galsan Tschinag, von dem es wunderbare Tier- und Landschaftserzählungen gibt, oder eben die Japanerin Tawada, die apart schöne Prosatexte geschrieben hat.

Gleichwohl ist diese Beschränkung keine gute Idee. Niemand wird behaupten, Tawada und Tschinag zählten zu den größten Dichtern deutscher Sprache. Um die aber sollte es gehen. Wenn man die deutsche Literatur an dem von Goethe ins Spiel gebrachten Begriff Weltliteratur misst, so wird man zugeben müssen, dass auf dem Gebiet des Romans und des Dramas andere Literaturen bedeutender sind. Für die Lyrik gilt das nicht. Die Gedichte Goethes, Hölderlins, Eichendorffs, Mörikes zählen zum Schönsten, was die menschliche Sprache hervorgebracht hat, und man müsste an diese Banalität nicht erinnern, wenn man das Gefühl hätte, sie sei jedermann geläufig, und die Gedichte seien kollektiver Besitz.

Das ist leider nicht der Fall, und eine Aktion wie "Poesie in die Stadt" wäre eine gute Gelegenheit, das zu ändern. Was spricht dagegen, Eichendorffs Wünschelrute ("Schläft ein Lied in allen Dingen") oder Hölderlins Hälfte des Lebens ("Mit gelben Birnen hänget / Und voll mit Rosen / Das Land in den See") so groß zu plakatieren, dass die Menschen endlich begreifen, was Poesie bedeuten kann. Sie ist eine Schule der Formen, und Form ist ja nichts dem Leben Feindliches. Im Gegenteil: Sie bringt es erst zum Leuchten.

"im aquarium lachen die fische / ich höre schritte im klavier / mache den kleiderschrank auf / vor mir steht hölderlin / aha!", dichtet Lásló Csiba. Es ist schön, dass er Hölderlin wenigstens im Kleiderschrank findet. Schöner wäre es, die Passanten würden ihn auf den Plakatwänden finden, damit endlich wahr würde, was die Aktion verspricht: Poesie in die Stadt! Ulrich Greiner