Feierliches Aufnahmezeremoniell im Festsaal von "Schweinewarzen"? Die meisten Harry Potter- Fans in Deutschland wären vermutlich ernüchtert, wenn sie wüssten, was Hogwarts, der Name der Zauberschule ihres Helden, auf Deutsch bedeutet. Vielleicht ist Klaus Fritz, der deutsche Übersetzer der Harry Potter- Bücher, deshalb beim Originalnamen geblieben. Seine niederländische Kollegin aber entschloss sich zu einem radikalen Eingriff und benannte Hogwarts kurzerhand um in "Zweinstein".

Schon klingt der Kinder-Bestseller seltsam fremd. Das ist nun auch ein Fall für die Forschung geworden. Beide Übersetzer riskierten mit ihrer Version, dass "sicherlich bei vielen Lesern die charakteristische Funktion dieses Namens nicht aktiviert wird", meint die Sprachforscherin Dietlind Krüger von der Universität Leipzig. In ihrem Seminar zum Thema "Eigennamen in der Übersetzung" werden die Schwierigkeiten erörtert, mit denen Übersetzer zu kämpfen haben, wenn sie literarische Eigennamen adäquat übertragen wollen. Denn solche Namen sind künstlerische Gestaltungsmittel und als solche längst Gegenstand einer Wissenschaft, der Literarischen Onomastik, die sich in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an den Universitäten etablierte. Ein Teilaspekt dieser Disziplin ist dabei der heikle Transfer vom Original in eine andere Sprache.

Wie gut oder schlecht das gelingt, lässt sich besonders gründlich an der Harry Potter- Vorlage erläutern, denn die Bände sind mittlerweile in 47 Sprachen übersetzt worden – sogar ins Lateinische, mit Harrius statt Harry. Im Leipziger Seminar wurden die deutschen, russischen, niederländischen, französischen, polnischen und tschechischen Texte miteinander verglichen. Dabei nahm sich vor allem die niederländische Version viele Freiheiten heraus; nur 13 Prozent der Namen des englischen Textes wurden beibehalten, und viel vom Lokalkolorit des Originals ging so verloren. Oft sei das nur schwer nachzuvollziehen, meint Krüger. Warum müsse etwa aus dem englischen Albus Dumbledore ein niederländischer Albus Perkamentus werden?

Die russische Version dagegen behielt 62 Prozent der Namen bei, allerdings sehen sie dort ein wenig anders aus: hhhhiundihhhhhhhhhhhhhh. Und der tschechische Übersetzer suchte Zuflucht in einem Kompromiss: Aus Hogwarts wurde zwar nicht "Schweinewarze", aber immerhin "Bradavice" ("Warze").

Manchmal aber helfen weder Kompromisse noch konsequentes Beibehalten der Originalnamen. Dann ist Kopfzerbrechen und Kreativität gefragt. Zum Beispiel im Fall des Tom Marvolo Riddle. Ordnet man die Buchstaben anders, dann kommt heraus, welcher Finsterling sich mit diesem klingenden Namen tarnt: "I am Lord Voldemort." Da musste sich jeder Übersetzer eine eigene Lösung einfallen lassen. Auf Deutsch wurde daraus Tom Vorlost Riddle – "ist Lord Voldemort", auf Niederländisch Marten Asmodom Vilijn – "Mijn naam ist Voldemort." und auf Französisch Tom Elvis Jedusor – "Je suis Voldemort."

So zeigt der Leipziger Harry Potter- Vergleich einmal mehr die Wichtigkeit des häufig unterschätzten Übersetzers. Er sei, so ist Dietlind Krüger überzeugt, nicht nur ein Mittler, sondern eine Art Sekundärautor, der große Macht über die Namen habe.