Volksdorf liegt nur eine halbe UBahn-Stunde vom Hamburger Hauptbahnhof mit seinen Junkies und Obdachlosen entfernt, aber hier ist die Welt noch in Ordnung. Bäume säumen stille Anliegerstraßen, großzügige Einfamilienhäuser stehen auf üppig eingewachsenen Grundstücken, Zweitwagen glänzen vor den Garagen. Jede Wohnung hier im Stadtteil hat statistisch 100 Quadratmeter, ein Drittel mehr als im Hamburger Durchschnitt. Die Kriminalitätsrate ist halb so hoch wie sonst im Stadtgebiet, der Anteil der Sozialhilfeempfänger verschwindend gering, der an Älteren deutlich höher. In Volksdorf leben viele, die es zu etwas gebracht haben, die Jahrzehnte wirtschaftlicher Blüte genutzt haben, um sich und ihrer Familie etwas aufzubauen, einen kleinen Puffer gegen den sozialen Abstieg für Zeiten, in denen selbst ein Aufschwung keine Arbeitsplätze mehr schafft.

Vor 15 Jahren, als Ingrid und Helmut Pfeiffer als DDR-Flüchtlinge hierher zogen, war es für sie ein Stück vom Paradies. Sie mieteten die Wohnung, in der sie heute noch leben, in einem Mehrfamilienhaus, kleiner als der statistische Durchschnitt, drei Zimmer, 75 Quadratmeter, aber mit Balkon und Blick auf grüne Gärten. Die Pfeiffers, er: studierter Maschinenbauingenieur, umgesattelt auf IT-Berater, sie: studierte Ökonomin, waren ehrgeizig, fleißig und entschlossen, ihr privates Wirtschaftswunder nachzuholen.

Damals hätten sie nur gelacht, hätte ihnen jemand erzählt, dass ihre Teilhabe am westlichen Wohlstand gerade mal zehn Jahre dauern würde. Dass Helmut Pfeiffer, drahtig, dynamisch, humorvoll, einer, der als Mitte 40 durchgehen könnte, mit 52 Jahren vom Arbeitsmarkt ausgespuckt werden würde wie ein altes Stück Fleisch. Dass er drei Jahre damit verbringen würde, einen neuen Job zu suchen, fest oder frei, sich auf dem neuesten Stand des Wissens zu halten, Kontakte zu pflegen, die Hoffnung, das Lächeln nicht aufzugeben. Und dass der Staat dann befinden würde, dass Helmut und Ingrid Pfeiffer, wie andere länger arbeitslose Akademiker auch, vom 1.1.2005 an kein Arbeitslosengeld, keine Arbeitslosenhilfe mehr bekommen, sondern nur noch eine Unterstützung auf Sozialhilfeniveau, bei deren Höhe es keine Unterschiede gibt: Egal, ob man studiert, viel Zeit, Geld, Mühe in seine Ausbildung investiert hat oder nicht. Egal, wie lange man gearbeitet, was man verdient, wie viele Steuern man gezahlt hat. "Wir werden bestraft", so sieht es Ingrid Pfeiffer, 55 Jahre wie ihr Mann, eine Frau, die gerne lacht, trotz allem, was in den letzten Jahren geschehen ist. Nur wenn sie über Hartz IV spricht, wird ihre Stimme lauter. Vor Verzweiflung; vor Wut.

Nicht nur über den zerstörten Traum vom Wohlstand und einen Lebensabend in der Mittelschicht; Wut, dass dieser Staat so tut, als seien Pfeiffers Drückeberger. Sie können es einfach nicht fassen, dass die Bundesagentur für Arbeit sich zwar alle Mühe geben will, mit einem Fragebogen herauszufinden, ob Pfeiffers ja nicht noch ein Ölgemälde an der Wand hängen haben, das man zu Geld machen kann – aber dass dann ein Arbeitsvermittler Helmut Pfeiffer womöglich einfach irgendeine Tätigkeit zuweisen wird, nur damit sein Fall abgehakt ist. Helmut Pfeiffer hat gelesen, dass die Arbeitsagenturen Verträge mit der Caritas abschließen wollen, für ein oder zwei Euro pro Stunde sollen Langzeitarbeitslose alte Menschen betreuen. Das habe er schon mal gemacht, in der DDR habe er seine Alzheimer-kranke Mutter gepflegt, sechs Jahre, bis zum bitteren Ende. "Soll ich damit jetzt wieder Zugang zum ersten Arbeitsmarkt finden?", fragt er. "Welch ein Hohn!"

Als DDR-Flüchtlinge kamen sie voller Hoffnung in den Westen

Es ist nicht nur Wut, es ist auch Angst. Angst, dass man Menschen über 50, wie sie es sind, nur noch verwalten, abwickeln will. Angst, abhängig, ausgeliefert zu sein.

Der Gedanke ist für die Pfeiffers vielleicht noch unerträglicher, weil sie sich an ihre Empfindungen in der DDR erinnert fühlen; an die Zeit, als die Pfeiffers an Grenzen stießen, weil sie, erzählen sie, in ihren Berufen als Außenhandelskauffrau für Koffer und Lederwaren und als Abteilungsleiter bei Robotron fleißiger, kreativer waren als ihre Chefs, die Parteibonzen. Eine komplizierte, qualvolle Geschichte, die damit endete, dass Helmut Pfeiffer 1987 aus der DDR floh, seine Frau durfte später schließlich ausreisen. Pfeiffers zogen nach Hamburg, hier hatten sie Verwandte. Es gab auch einen Unterstützerkreis engagierter Frauen aus der CDU, der DDR-Flüchtlingen Bücher spendete, Geld lieh und ihnen half, ein neues Leben im Westen zu beginnen.

Pfeiffers beeilten sich damit, denn sie waren schon 40, hatten viel Zeit verloren und fast alles, was sie in der DDR besessen hatten. Beide absolvierten ein Ergänzungsstudium, damit ihre Abschlüsse anerkannt wurden. Dann stieg Helmut Pfeiffer als Trainee im IT-Bereich bei Philips ein, Ingrid Pfeiffer bestückte für Eduscho Kaffeeautomaten in Firmen.