Einmal, da ist ihr etwas wirklich wichtig gewesen. Da hat sie ihren Rucksack genommen, hat ihr Kopfkissen reingesteckt, das mit dem blau-weißen HSV-Bezug, etwas zu trinken und alles, was sie an Geld besaß. Viel war es nicht, sie war ja auch erst 14. Um die Schule musste sie sich an diesem Tag keine Sorgen machen, die Sommerferien hatten gerade begonnen. Obwohl, um genau zu sein, auch vor den Sommerferien war die Schule nie Annikas* größte Sorge gewesen.

Sie zog die Haustür zu, nahm den Bus, dann die S-Bahn zum Hamburger Hauptbahnhof, fragte nach dem billigsten Ticket nach Dresden, und als die Türen sich schlossen, war sie doch nervös. Aber sie hatte ja eine CD der Ärzte dabei, ihrer Lieblingsband. Da saß sie nun in diesem Zug, und niemand hatte auch nur einen blassen Schimmer, dass sie einfach heimlich einer SMS folgte, die sie von einem Jungen aus dem Internet bekommen hatte.

Als sich die Türen in Dresden wieder öffneten, stand die Bahnpolizei vor Annika. Bist du Annika?, fragte sie. Sie hätte nein sagen können, nein, weil sie nicht zurückwollte – oder wollte sie doch? Nein, weil sie nicht mal einen Personalausweis besaß, den kriegt man erst mit 16. Nein, weil sie bestimmt nicht die Annika war, die die Eltern suchten, die gute Schülerin, die nach der Schule zum Sport geht. Aber welche Annika war sie dann?

Die Eltern waren über das Ausreißen damals fast ein bisschen froh. Vielleicht haben sie deshalb kaum geschimpft. So viel Eigeninitiative hatten sie bei ihrer Tochter schon lange nicht mehr gesehen.

Das alles ist nun ein Jahr her, jetzt ist Annika 15, bald kriegt sie ihren Personalausweis, aber eine Antwort auf die Fragen, wer sie ist und was sie will, haben weder sie noch ihre Eltern gefunden. Man könnte jetzt sagen, das ist doch normal in dem Alter, das war bei uns allen doch genauso, das war schon bei Holden Caulfield, der Romanfigur aus dem Fänger im Roggen, und tausend anderen so. Aber Annika kommt nach den Sommerferien in die neunte Klasse der Hauptschule, die letzte Klasse, und wer da versagt, für den wird es sehr schwer werden, denn er ist fürs Leben vorbestraft.

Man nennt sie in den Medien die "verlorene Generation", gar die "Generation Kann-nix". Jene, die zu nichts taugen, weil sie auch nach neun,