Während des Schlossfests im Juli scheint es für kurze Zeit so, als habe sich in Frankfurt-Höchst nichts verändert. Die Chemiearbeiter strömen wieder aus dem Werkstor Ost in die Altstadt. Das historische Kopfsteinpflaster, die Fachwerkfassaden – aufgeputzt, wie in den besten Zeiten. Höchster Honoratioren halten Reden. Alles wie früher.

Mit einem Unterschied. Früher war die Hoechst AG der Eigentümer des Schlosses und der Hauptsponsor beim Schlossfest. Die gegenseitige Abhängigkeit zwischen dem Ort und der nach ihm benannten Aktiengesellschaft – man wusste sie zu feiern. Doch was einst Symbiose war, ist nur noch Sentimentalität. Vor fünf Jahren wurde der Chemiekonzern Hoechst zerschlagen. Und in diesen Tagen wird der Arzneihersteller Aventis – unter den Nachfolgefirmen am Standort der wichtigste Arbeitgeber – vom französischen Konkurrenten Sanofi übernommen. Selten war man in Höchst weniger zum Feiern aufgelegt. Mit Strukturwandel haben die Menschen hier schlechte Erfahrung gemacht.

"Höchst kippt", sagt Michael Leineweber. Der Molekularbiologe, der bei Hoechst mithalf, einen der Bestseller, das gentechnisch erzeugte Insulin, zu erforschen, wechselte den Job, als sich das Ende des Traditionskonzerns abzeichnete. Seit 1998 arbeitet er als Bankanalyst in Stuttgart. Dem Wohnort Höchst aber hielt er als Pendler lange die Treue.

Wer es sich leisten kann, zieht fort. Ein bürgerliches Viertel verarmt

Leineweber ist hin- und hergerissen. Als Banker weiß er, dass sich Unternehmen auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren müssen und dass es nicht zu den Aufgaben von Konzernen gehört, Kulturdenkmäler und Konzerthallen zu unterhalten. Dem Bürger Leineweber ist es trotzdem nahe gegangen, dass Hoechst das Schloss verkaufte und auch die Jahrhunderthalle, wo früher Daniel Barenboim dirigierte und Herbert von Karajan.

Einst fanden in dieser Halle auch die Hauptversammlungen statt. Heute sind es nur noch Betriebsversammlungen und die Protestkundgebungen gegen die Übernahme. Und dazwischen verkauft in der Jahrhunderthalle ein fliegender Händler billige Schuhe, das Paar für 9,90 Euro. Irgendwie habe Höchst aufgehört, ein "bürgerliches Wohngebiet" zu sein, meint Leineweber. Inzwischen hat seine Familie den Entschluss gefasst: "Wir brechen in Frankfurt die Zelte ab."

Am deutlichsten lässt sich der Wandel in der Königsteiner Straße beobachten. Wegen des wohlsortierten Einzelhandels nannten die Einheimischen die Einkaufsstraße einst "Kö", in Anlehnung an die Düsseldorfer Luxusmeile. Doch von Luxus ist auf der rund 500 Meter langen Fußgängerzone nichts mehr zu spüren, eher von der Last des täglichen Überlebenskampfs.

Da gibt es einen Backdiscounter, den Sopo-Sonderposten-Markt und außerdem noch das Superbillig-Warenhaus. Von Pelzmoden Golsch ist nur die Inschrift geblieben, der Juwelier hat schon lange dichtgemacht, auch Hertie gab vor zweieinhalb Jahren auf. Seither hat sich im Erdgeschoss des Kaufhaus-Baus aus den zwanziger Jahren ein Teppichhändler eingerichtet. "Gut, dass es Güttler gibt" steht übers Schaufenster geschrieben. Dem würden sicher sogar die zustimmen, die gar keinen pastellfarbigen Plüsch mögen. Wäre der Teppichhändler nicht, stünde wohl noch eine Immobilie leer. Schon so hängen genug Schilder in den Fenstern: "Ladenlokale provisionsfrei zu vermieten".