Eines wird bleiben. Von den Medien kaum registriert, bescheinigte Polens Präsident Aleksander Kwaniewski seinem deutschen Gast Gerhard Schröder, er sehe in ihm einen großen Verbündeten im Kampf um die historische Wahrheit.

Der Satz fiel während des Zeremoniells, mit dem Polen im Herzen von Warschau an den Beginn des Aufstands am 1. August vor 60 Jahren gedachte. Diesem Anspruch wollte der Kanzler gerecht werden: Wir Deutschen wissen sehr wohl, wer den Krieg angefangen hat und wer seine ersten Opfer waren. Deshalb darf es heute keinen Raum mehr geben für Restitutionsansprüche aus Deutschland, die die Geschichte auf den Kopf stellen.

Parallel zum Konzert am Jahrestag liefen Bilder über die riesige Leinwand, die zunächst ein altes, irgendwie glückliches swinging Warschau zeigten, in das sich immer mehr Szenen vom Aufstand mischten, bis zum Schluss nur noch Gemetzel, Trümmer und Tote blieben. Es falle ihm schwer, setzte Schröder an, nach diesen Bildern zu sprechen ... Ja, Kwaniewski hat in dem Bundeskanzler einen Verbündeten. Vielleicht kann der Deutsche jetzt Freund Putin überzeugen, dass auch er ein Verbündeter im Kampf um die historische Wahrheit werden möge. Dazu allerdings müsste Russlands Präsident endlich die Archive über Stalin öffnen lassen, der das Morden in Warschau geschehen ließ.

Noch immer schwingen unbeantwortete Fragen mit, die sich an die Russen, die Briten oder die Amerikaner richten, weniger an die Deutschen. Welch ein Fortschritt. Das Bild vom unhistorischen Kanzler nimmt man aus Warschau wirklich nicht mit. Herzlichkeiten beim Gang durch die Altstadt, Stille und ein bisschen Applaus nach den zwei tiefen Verbeugungen am Mahnmal, die Ehrenmedaille eines Aufstandsveteranen als kleines Geschenk, ein paar Pfiffe und ein Heil Schröder!-Plakat - es hätte auch ganz anders verlaufen können.

Schröder will die gemeinsame Zukunft auf Wahrheit gründen. Exakt das aber stellen der Bund der Vertriebenen, die Preußische Treuhand und Vertriebenenchefin Erika Steinbach wieder infrage: Schröders Äußerungen zu Rückgabe und Entschädigung seien nicht anständig gewesen. Er hatte angekündigt, die Regierung trete Rückgabe- und Entschädigungsforderungen von Vertriebenen entgegen, und sie werde diese Position auch vor jedem Gericht deutlich machen. In einem Punkt überlappen sich Erika Steinbachs Position und die polnischen Wünsche, nämlich dann, wenn sie argumentiert, Schröder habe keine Rechtssicherheit geschaffen und die Regierung solle besser ein Gesetz auf den Weg bringen und die Dinge mit den Vertriebenen regeln, die noch zu regeln sind. Formiert sich da eine neue Koalition? Schröder hat sich mit dem Argument, das Lastenausgleichsgesetz habe die staatlichen Verpflichtungen bereits abgegolten, aber auch, weil er eine Flut von individuellen Regressansprüchen befürchtet, solchen Vorschlägen in Warschau erneut widersetzt. 1000 Kläger versammeln sich in der Treuhand, 4500 haben bei der Regierung Ansprüche gemeldet, auf bis zu einer Million Fälle könnte bei Erfolg die Prozesslawine anschwellen. Politisch wäre es durchaus wünschenswert, wenn die Deutschen den Polen die Sorge vor massenhaften Restitutionsansprüchen nehmen könnten. Geprüft wird derzeit, ob eine Europäisierung des Problems hilft, ob dies über eine Kooperation Berlin/Warschau hinausreichen würde und welche Argumente gerichtsfest genug wären, um Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof abzuweisen.

Verrat an den Vertriebenen!, heißt es jetzt wieder. Trotz Schröders historischer Worte, in Polen kommt eine andere Botschaft an: Deutsche fordern eine symbolische und eine materielle Aufwertung und Anerkennung für ihre Vertreibung. Spätestens jetzt wird offenkundig, dass das Zentrum für Vertreibungen, das nur moralisch argumentierte, und die Rechtsvereinigung der Preußischen Treuhand, die nur materielle Ziele verfolgte, sich wechselseitig zum Widerstand anstacheln.

Reden kann und muss man über Vertreibungen. Der kluge Vorschlag aus Polen für ein gemeinsames Zentrum in Breslau lag auf dem Tisch. Kein Interesse! Denn was Mitleiden ist, bestimmen wir! Wir wollen den Polen zeigen, wer auch Täter und wer auch Opfer war! Jetzt wollen wir Anerkennung! Empathie mit der Brechstange. Eben dieser neuen deutschen Einseitigkeit hat Schröder mit seinem Auftritt in Warschau klar widersprochen.