Berlin ist für Schweizer Literaten schon immer ein besonderes Pflaster gewesen. Gottfried Keller hat hier seine prägenden Schockerlebnisse gehabt, Robert Walser suchte danach sein endgültiges Geschick wieder in Biel und Täuffelen, aber die Anziehungskraft Berlins ist bis heute geblieben. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Literarische Colloquium am Wannsee (LCB). Peter Bichsel hat dort legendäre Tagungen der Gruppe 47 erlebt, allein, wie er den Namen "Hans Werner Richter" ausspricht, ist eine Weihe – er rollt das "r" auf eine weiche, solothurnerische Weise, ganz anders, als es der Ostseerecke Richter tat, und dennoch gibt es eine gemeinsame Schwingung, die bis heute trägt. Für Schweizer Gegenwartsautoren setzen sich derlei Fluchttendenzen ständig fort, mit ungewissem Ausgang. Die Karriere des Peter Weber begann sturzbachartig mit einer Lesung im LCB aus dem Romanmanuskript Der Wettermacher, der Suhrkamp-Verlag griff damals blitzschnell zu. Die Wette gilt jedes Mal: Einen momentan aufblühenden Schweizer Autor trifft man im Zweifelsfall eher in Berlin als in Zürich oder sonstwo.

Kein Wunder, dass die Schweizerische Botschaft jetzt ein Literaturfest im LCB veranstaltete, am Vorabend des 1. August, des Schweizer Nationalfeiertags mit dem Rütlischwur. Das haben sie damals einfach großartig gemacht, die bärtigen, verwegenen Freischärler aus der Innerschweiz: 1.August, das ist mitten im Sommer, da lässt es sich sogar in Berlin aushalten. Das Literarische Colloquium sitzt in einer Villa, die ein steil abfallendes, aber für Schweizer Verhältnisse kinderleicht zu bewältigendes Gelände bis hinunter zum See hat. Da kann man draußen sitzen, da kann man sich sogar in aller Ruhe einen "Hip-Hop-Poeten" ankündigen lassen – aber der kam, als es schon dunkel war. Vorher gab es etliche Lesungen, wo jemand sprach und viele ihm zuhörten – ganz andächtig meist auf der Terrasse, stillvergnügt auf dem Gras am Hang. Und unten am See, wo es einen Halbkreis mit Steinsimsen gibt, den das LCB seit der Einführung des Event-Marketings Rotunde nennt, hörte man nichts und störte auch nicht.

Adolf Muschg, Schweizer und gleichzeitig Präsident der Berliner Akademie der Künste, trug eine Szene vor mit Staatsbanketten, bei denen man nie satt wird, mit der Seitenbemerkung: "Ich bitte Sie, die Aktualität dieses Satzes zu überhören!" Das Käsebuffet im LCB war nämlich schon nach einer guten halben Stunde gestürmt. Da war ein Virtuose der Repräsentanz am Werk, des Diskursverschiebens zwischen Literatur und Politik. Der versierte 30-jährige Lyriker Raphael Urweider fragte auch gleich nach der Funktion, die es habe, dass die Schweizer so gern öffentlich über sich lachen, und Peter Weber löste das Problem, indem er gleichzeitig Maultrommel und moderne Elektronik für seine Lesung einsetzte. Fast ergreifend war dann die Wiederbegegnung mit Gertrud Leutenegger, dem Schwarm aller Literaturzeitschriftenredakteure der siebziger Jahre: Sie las verhangene Prosa über die Schönheit von Apfelsorten wie Goldparmäne und Berner Rose.

Peter Bichsel aber spielte ein Spiel mit Schweizer Stereotypen und Erwartungshaltungen, das in eine unerwartete Problematisierung der Schweizer Viersprachigkeit überging, und plötzlich fand man sich bei Dylan Thomas wieder, dem großen Briten aus Wales, "der kein Walisisch konnte". Wales und der Schweizer Kanton Wallis schmolzen in den Anrufungen Bichsels zusammen wie Gletscher, die sich aufgeben. Bichsel war im LCB zu seinem Ausgangspunkt zurückgekehrt, zur Schweiz und Nichtschweiz in Berlin, ein großer Moment.

Wenn man hinunterschaute, war das ein nahezu Schweizer Anblick: Der See glitzerte umso intensiver, je mehr die Dämmerung voranrückte. Ruderboote plätscherten vorbei oder gar Segelboote mit hohen Masten, man fühlte sich wie entrückt. Doch der Wannsee ist an dieser Stelle nicht unbedingt geeignet, um zu baden, die Strömungen und Einflüsse sind nicht günstig am Literarischen Colloquium. Außerdem ist das Wasser immer noch arg kalt. Fast so kalt wie dasjenige des gebirgsumschlossenen Vierwaldstätter Sees, aber aus ganz anderen Gründen. Solange die Gegensätze so groß sind und die Anziehung so stark ist, wird es die Schweiz weiter mit Berlin versuchen.