Was Sie immer schon wissen wollten, ist, wie man Romane schreibt. Der Büchermarkt, sensibel, wie er ist, kommt Ihrem Wunsch entgegen, und so gibt es jetzt als Suhrkamp-Taschenbuch Wie man Romane schreibt von einem, der viele Romane geschrieben hat, nämlich von Mario Vargas Llosa. Der Titel Wie man Romane schreibt ist kein Versprechen, sondern eine pädagogische Provokation: Der Autor will niemandem vormachen, man müsse nur sein Buch lesen, und dann könne man Romane schreiben. Das ach so gut gehütete Rätsel der Kreativität wird hier nicht enthüllt, sondern wieder einmal bestätigt. Es sind Briefe, die der erfahrene Autor an einen Eleven der Romankunst verfasst, und im letzten Brief heißt es, "schöpferisch tätig zu sein", könne man niemandem beibringen, "höchstens, wie man schreibt und liest. Den Rest bringt man sich selbst bei, indem man immer wieder stolpert, stürzt und aufsteht." Also lauten die Schlussworte an den Lehrling: "Lieber Freund, Sie sollten alles vergessen, was Sie in meinen Briefen über die Romanformen gelesen haben, und endlich anfangen, Romane zu schreiben. Viel Glück!"

Das ist das Humane an der Pädagogik: Der Lehrer klärt darüber auf, dass das Projekt der Erziehung erst in dem Moment gelingt, in dem der Schüler versteht, dass der Lehrer für ihn überflüssig geworden ist. Vorher aber müssen beide durch die Lehre durch. Das Buch ist eine Pflichtlektüre für alle, die berufsmäßig mit Literatur zu tun haben, und es ist ein Vergnügen für die, die an der Literatur Anteil nehmen und die es vielleicht sogar für fragwürdig halten, aus dieser Anteilnahme einen Beruf zu machen. Mir hat am meisten Freude gemacht, wie Llosa in seine formalen Überlegungen Nacherzählungen klassischer Beispiele einbaut: Madame Bovary, Moby Dick, Don Quijote, aber auch Prousts Suche und Célines Reise ans Ende der Nacht. Llosas Nacherzählungskunst besteht nicht im Wiederkäuen der Plots; er erzählt von Wirkungen, die erlesene Bücher auf ihn gehabt haben. Über Céline schreibt er: "Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht, aber mich bringen seine kurzen, gestotterten, mit Auslassungspunkten übersäten und von Ausrufen und Argot aufgepeitschten Sätze auf die Palme." Trotzdem hat Llosa keinen Zweifel daran, dass zum Beispiel Reise ans Ende der Nacht eine "gewaltige Überzeugungskraft" besitzt: "Dieser Schwall von Unflat und Extravaganz hypnotisiert uns geradezu und entkräftet unsere ästhetischen und ethischen Vorbehalte."

Gefangen durch die Zauberkraft der Kunstfertigkeit

Dieses Urteil, dass ihm Céline nur hypnotisiert erträglich ist, durch Entkräftung seiner ästhetischen und ethischen Vorbehalte, zeigt sehr genau an, wo diese Vorbehalte liegen. Llosa ist im Literarischen "konservativ", und auch er entgeht dem Schicksal nicht, dass deskriptive Leistungen in der Ästhetik immer auch normativ sind. Llosas Norm, über die er nichts kommen lässt, ist ein Roman, der die Illusion seiner eigenen Realität erschafft: Der Leser soll während der Lektüre vergessen, wie die Geschichte erzählt ist. Er muss das Gefühl haben, "der Roman besäße keine Technik, keine Form, sondern sei das Leben selbst, das durch Personen, Landschaften so lebendig verkörpert wird, dass es uns als gelesenes Leben vorkommt". Der Roman als ein gelesenes Leben hat die Funktion, an die Stelle des "wirklichen" Lebens zu treten und den Leser in einem eingeübten Sinne zu täuschen: "Gefangen durch die Zauberkraft der Kunstfertigkeit, hat er nicht das Gefühl zu lesen, sondern eine Geschichte zu erleben, der es, eine Zeitlang zumindest und was diesen Leser angeht, gelungen ist, an die Stelle des Lebens zu treten."

Das besitzt Überzeugungskraft, aber man kann sich auch Schriftsteller vorstellen, die genau diesen Pakt aus Kunstfertigkeit und scheinhaftem Erleben stören wollen. Bezeichnenderweise referiert Llosa in seinem Buch über die Romane einmal auch Theatralisches, nämlich Brechts Verfremdungstheorie. Sie besagt, dass man auf der Bühne auch ihren "Illusionscharakter" vorzeigen, also zerstören müsse. Mag sein, dass Brecht mit diesem Konzept gescheitert ist, weil ausgerechnet seine Stücke vielen dann am besten gelungen erscheinen, wenn ihre Inszenierungen gegen das Prinzip der Verfremdung verstoßen. Aber Llosa stellt dieses Prinzip so dar, als ob es bloß auf einer ideologischen Idiosynkrasie Brechts und auf sonst keinem Grund beruhen würde. Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht, aber ich möchte nicht, dass die (Roman-) Literatur im so genannten Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit auf die Rolle der Illusionsbeschaffung beschränkt bleibt. Franz Schuh

Mario Vargas Llosa: Wie man Romane schreibt