Noch ein Liebesroman? Als ob das Leben nicht schon grausam genug wäre. Denkt der Rezensent beim ersten Blick auf Sandor slash Ida , dem ersten Jugendbuch der schwedischen Drehbuchautorin Sara Kadefors. Der Covertext auf der Rückseite macht allerdings neugierig. "Sie steht im Mittelpunkt – er immer daneben. Sie wohnt in der Großstadt – er in einem Nest. Sie tanzt immer aus der Reihe – er leidenschaftlich gern. Sie hat keine Lust mehr auf Sex – er ist noch unschuldig. Sie wird Schlampe genannt – er Schwuli. Sie hasst ihr Leben – er hasst sein Leben. Sie heißt Ida – er Sandor." Schaukelt’s sich da wieder einmal dialektisch nach oben, bis sich die Liebenden in den Armen liegen? Oder lässt das Milieu des skandinavischen Realismus eher ein schlimmes Ende erwarten?

Sehr schnell spürt man die innere Dramatik der Geschichte und staunt über den dynamischen Erzählrhythmus: kurze Kapitelchen in Kontrastmontage. Der Erzähler wechselt ständig die Perspektive. Sandor. Ida. Sandor. Ida. Göteborg. Stockholm. Er schildert die Gemütsverfassung zweier 15-Jähriger, die sich über einen Chatroom im Internet kennen lernen. Zur auktorialen Erzählung kommt der moderne Briefroman: E-Mails wandern hin und her.

Sandor slash Ida ist ein rasanter Roman über zwei Außenseiter, die auf verschiedenen Planeten leben, aber eine gemeinsame und – weit mühsamer – eine ehrliche Sprache finden: Sandor, der Junge aus bürgerlichem Haus, ein begabter Ballett-Eleve, den seine Mitschüler für schwul halten. Die bildhübsche Ida, die ihre depressive Mutter hassliebt, für sie sorgt und in jeder freien Minute mit den Freundinnen aufgebrezelt durch die Szene irrt. Beide – Sandor wie Ida – fühlen sich in ihren Rollen gefangen. Er leidet vor allem unter dem furchtbaren Erwartungsdruck seiner Mutter, einer ehemaligen Primaballerina, die den Sohn zur Projektionsgestalt ihrer eigenen Ideale gemacht hat. Das Mädchen hingegen möchte dem häuslichen Chaos entrinnen und flüchtet sich in die Welt des schönen Scheins, in der Gruppennorm alles und Eigenart nichts ist. Beide hassen sich selbst, weil sie sich zu feige fühlen, aus ihren Gefängnissen auszubrechen.

Wie sich Sandors und Idas Planet langsam annähern, das liest sich ungeheuer spannend und glaubwürdig, weil die Geschichte keinem zwangsläufigen Muster folgt. Wer auf die Schnauze fällt oder mit anderen Welten konfrontiert wird, ist noch lange kein neuer Mensch. Also doch ein Liebesroman? Wenn er so geschrieben ist, wie der von Sara Kadefors (die dafür den schwedischen Augustpreis erhielt), dann, bitte schön, noch einmal.