Ein kleines Mädchen ist allein zu Hause… und langweilt sich… und langweilt sich." Da rollt ein Ball ins Zimmer, aus einem Loch in der Wand. "›Wer spielt hier Ball?‹, fragt das kleine Mädchen. ›Mäuse???‹ – ›Wir sind keine Mäuse!‹, sagen die Könige." Drei Winzlinge, die den Ball ins Rollen brachten, betreten die Szene aus einem Loch heraus; ein Torbogen in der Fußbodenleiste, sauber gerundet wie im Cartoon.

"Essen Könige Kuchen?" Das Mädchen weiß, wie man Besuch empfängt. "›Ja‹, antworten die Könige." Das Mädchen hebt die drei hoch. Da stehen sie auf dem Esstisch – schlagartig in voller Größe. Im Märchen sind Wunder selbstverständlich. Die drei Majestäten verbringen einen Nachmittag mit dem kleinen Mädchen. Zuerst zeigen sie dem Kind, was sie täglich tun: "Jeden Morgen: Krönen, / dann gehts zum Schreiten, / zum Thronen / und Dinieren." Losgelöst vom höfischen Kontext, erinnert diese Pantomime an Kinder, die Büro spielen, mit großer Ernsthaftigkeit eine Tätigkeit der Erwachsenen nachahmen und dabei ungewollt deren Wichtigtun entlarven. "›Und was machen kleine Mädchen?‹, fragen die Könige. / Sie hören gerne Geschichten! / Und wünschen sich lange Zöpfe." Und wieder macht das Bild alles mit, wenn etwa ein König die Zöpfe in die Länge zieht. Ein Zauber? Es ist einfach so, bis sich die Könige wieder verabschieden, bis ein Nachmittag zu Ende geht.

Eine seltsam schwebende, wunderbar leichte Story, ungewohnt ernst und zugleich verspielt. Fraglos eine Geschichte für Kinder, wenn da nicht … wenn da nicht die Frage wäre: Sind das Bilder für Kinder? Der Einwand ist verständlich. Kein Purpur, kein Gold, bloß karge Linien hingezaubert. Thomas Hamann ist Bühnenbildner und Ausstellungsgestalter, die Zeichnungen, Schwarz auf Weiß, sind keineswegs ungewöhnlich, wenn Gegenwartsgrafik den Referenzpunkt bildet. Wie dem auch sei, entscheidend ist, dass die raffinierte Verbindung von Worttext und Bildtext einem genuinen Merkmal der Bilderbuchliteratur entspricht: Wer beobachtet, wie die beiden Ebenen mal parallel, mal ergänzend und mal allein funktionieren, wer die Agilität der freien Linie schätzt, die unvermutete Wechsel zwischen den Szenen erlaubt und diese geradezu als Kippbilder erscheinen lässt, der hat ein rares Bilderbucherlebnis: Märchenbilder, wie sie nur Königen gelingen, die in einer öden Wohnung auftauchen, ein Kind überraschen und wieder verschwinden – wie Mäuse. Und Bildeffekte, wie sie nur ein Zauberstab erwirkt, der ein kluger Zeichenstift ist.Hans ten Doornkaat