James Dean ist gestorben, wird im Radio gemeldet. Den haben sie im Kino gesehen. Das ist noch gar nicht lange her. Serilda Collins hatte an diesem Tag in der Stadt dem Quengeln ihrer vier Töchter nachgegeben: …denn sie wissen nicht, was sie tun. Alle fünf waren sie mit frischer Dauerwelle, "gekräuselt wie Pudel", in die Lichtspiele gelaufen, um den Rebellen zu bewundern. Es war ein schöner Tag in Riverbend gewesen, aber teuer waren Frisur, Film, Popcorn und Cola. Zu teuer, bei so vielen offenen Rechnungen. Kurz darauf war Familie Collins der Strom abgestellt worden.

Ein Nest in Kentucky, 1955/56, lange her, weit weg. Doch die amerikanische Autorin Ruth White rückt diese mit den Erinnerungen an ihre Kindheit durchsetzte Welt in eine geradezu spürbare Nähe, erzählt voller Intimität und Takt. Der Alltag einer Familie, die Geschichten eines Milieus, einmal mehr verwirklicht Ruth White in ihrem neuen Roman, was sie sich vorgenommen hat: dass sich die Leser von heute "für eine kleine Weile an einen anderen Ort und in eine andere Zeit versetzen lassen – an Orte und in Zeiten, die einmal sehr real waren". Das mag plakativ klingen, bei Ruth White ist es die schlichte Formel für eine lebendige Zeitreise, ganz und gar aus der Erzählung geboren. Und wie nebenbei eine Hommage an die Menschen, die Landschaft, die Pflanzen und Tiere.

Carol, die jüngste der vier Töchter, ist die Ich-Erzählerin. Leicht hat sie’s nicht mit ihren Schwestern; Kentucky ist vierzehn und allseits beliebt, Virginia ist zwölf und schon eine Schönheit, Georgia ist elf und das klügste Mädchen weit und breit. Carol ist die Einzige, die keinerlei Erinnerung an ihren Vater mehr hat. Sie war zwei, als er "abgehauen" ist. Die vier Schwestern blühen auf, wenn ihr Vetter Tadpole zu Besuch kommt und das Leben in ausgelassene ›Kurzweil‹ verwandelt. Tadpole, "unser liebster Mensch auf Erden", ist ein begnadetes Talent auf der Gitarre, mühelos macht er die Veranda zur Bühne und lässt die Nachbarn herbeiströmen.

Tadpole, die Kaulquappe – den Spitznamen verdankt er einer seiner übermütigen Eskapaden–, heißt eigentlich Winston Churchill Birch und lebt nach dem frühen Tod seiner Eltern bei seinem Onkel Matthew. Der aber ist ein rundum verkniffener Stinkstiefel und betrachtet den angenommenen Jungen als bloße Arbeitskraft, schlägt ihn schließlich mit der Pferdepeitsche, bis er zu Tante Serilda und ihren Mädchen flüchtet. "Tadpole grinste von einem Ohr zum anderen … und rief: ›Da wären wir also!‹"

Von einem Sommer zum nächsten reichen nun die Episoden – in einer faszinierenden Modulation aus Heiterkeit und Ernst. Am Ende schreibt ein junger Musiker – aus Nashville, Tennessee: "Hab mir zwei neue Western-Outfits gekauft mit Fransen am Hemd und Sporen an den Stiefeln." Und auch Carolina Collins weiß jetzt, was sie will: ein Plektrum und einen Satz neuer Saiten.