Berthold Zilly ist mehr als nur ein guter Übersetzer lateinamerikanischer Literatur: Jedes Buch, das der in Berlin lehrende Brasilianist kongenial übertragen und mustergültig ediert hat, war für deutsche Leser ein Augenöffner, eine literarische Entdeckung, und widerlegte ganz nebenbei exotistische Klischees, die hierzulande über Lateinamerika im Umlauf sind. Das gilt für die modernen Klassiker Lima Barreto und Euclides da Cunha ebenso wie für den gleichfalls bei Suhrkamp erschienenen Roman Das Brot des Patriarchen des Brasilianers Raduan Nassar, der seinen Autor schlagartig berühmt machte und kürzlich verfilmt worden ist.

Selten hat mich die Lektüre eines Buches so fasziniert und irritiert wie dieser kurze Roman, der eine verkappte Novelle ist und auf Portugiesisch Lavoura arcaica heißt ("Archaische Feldarbeit"): ein auf Hesiods Werke und Tage anspielender Titel, der den Leser zurückführt zum Urgrund der Literatur, wo Heiliges und Profanes, Poesie und Prosa noch ungeschieden voneinander sind. "Die Augen zur Decke gerichtet, die Nacktheit im Zimmer; dort pflückt man in den Intervallen der Seelenangst von einem rauhen Stengel, auf der offenen Hand, die weiße Rose der Verzweiflung, denn unter den Gegenständen, die das Zimmer heiligt, sind zunächst die des Leibes…" Schon mit dem ersten Satz schlägt diese erotisch aufgeladene Prosa den Kritiker in ihren Bann, ohne dass er begreift, wovon die Rede ist in dem lüstern und böse funkelnden Text, der keine Konzessionen an Logik und Lesbarkeit macht und, obwohl er in keine herkömmliche Kategorie passt, nicht schwer verständlich ist. Das Stichwort Blut und Boden drängte sich auf, wäre dieser Begriff nicht durch die NS-Rassenideologie ein für alle Mal diskreditiert. Um Blut und Boden geht es dem Autor in der Tat: Nicht im Sinne eines ländlichen Idylls, das er dem Asphaltdschungel der Großstadt als verlogene Ikone entgegenhält, sondern um die Familie als Urzelle der menschlichen Kultur, die bekanntlich aus Feldbau und Landarbeit entstand. "Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen", sagt der zornige Gott des Alten Testaments zu Adam nach dessen Vertreibung aus dem Paradies, und biblische Anklänge sind häufig in diesem Buch, das die westliche Zivilisation auf ihre nahöstlichen Ursprünge zurückführt – Raduan Nassars Vorfahren kamen aus dem Libanon nach Brasilien – und den Geist des Gilgamesch-Epos nach Lateinamerika überträgt.

Der Protest gegen den Vater enthält den Keim einer neuen Tyrannei

Doch der mythologische Bezug täuscht: Nassars Buch spielt weder in archaischer Vorzeit noch in einem geschichtslosen Raum, sondern in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als der Text entstand, der Kindheitserinnerungen des Autors mit Kritik an Brasiliens Militärregime verband und durch literarische Überhöhung die politische Zensur unterlief. Wütender Realismus heißt der Fachausdruck für diese alle Gattungsgrenzen sprengende Literatur, die, wie der zeitgleich entstandene Roman Null von Ignácio de Loyola Brandão, den Parias der brasilianischen Gesellschaft erstmals Gesicht und Stimme verlieh.

"Die Erde, der Weizen, das Brot, der Tisch, die Familie (die Erde); in diesem Kreislauf, sagte der Vater in seinen Predigten, sind Liebe, Arbeit, Zeit." Mit diesen Worten, die ähnlich bei Hesiod, in der Bibel oder im Koran stehen könnten, hat Raduan Nassar den Inhalt seines Romans zusammengefasst, der die Parabel vom verlorenen Sohn neu erzählt. Auf Portugiesisch heißt dieser der verschwenderische Sohn – ein wichtiger Hinweis aus dem Nachwort des Übersetzers, das nicht nur höchst informativ, sondern selbst ein Meisterwerk ist.

Die äußere Handlung ist schnell erzählt: André, mittlerer Sohn einer – wenn ich richtig gezählt habe – neunköpfigen Familie, lebt mit seiner Schwester Ana in inzestuöser Beziehung, von der nicht klar ist, ob es sich um Wirklichkeit handelt oder um pubertäre Fantasie. Nach seiner Flucht vom väterlichen Hof spürt der ältere Bruder ihn auf in einer schäbigen Pension und bringt ihn zum Elternhaus zurück, wo die Heimkehr des verlorenen Sohns mit einem ländlichen Fest gefeiert wird, dessen überraschendes Ende hier nicht verraten werden soll. Anders als in Adoleszenzromanen von Mark Twain und Hermann Hesse ergreift der Autor, trotz deutlicher Sympathie für seinen Protagonisten, keine Partei: Er schildert die Ambivalenz des Aufbegehrens gegen die väterliche Autorität, das den Keim einer neuen Tyrannei in sich trägt. André behauptet, im Namen der Unterdrückten zu sprechen, aber letztlich geht es ihm um das Ausleben polymorph-perverser Fantasien: Die Parallelen zur Studentenrevolte von 1968 sind unübersehbar, und was den Roman so lesenswert macht, ist seine schwebende Vieldeutigkeit, beseelt von einer poetisch durchglühten Sprache, die an das Hohelied Salomos, aber auch an Rilke und Trakl erinnert. Raduan Nassars Buch ist ein Meisterwerk, eine seltene Ausnahme im alles nivellierenden Literaturbetrieb.