So ein Kerl wie Samuel Pepys wäre heute Börsenmakler mit Porsche, Rolex und so weiter. Aber Samuel Pepys lebte zur Zeit der langen Rockschöße, Perücken, Kutschen, Dienstmädchen, fetten Speisen und Abführmittel. Er hatte einen Abschluss aus Cambridge, verdiente sein Geld als leitender Beamter im Londoner Flottenamt, wohnte mit seiner Frau Elizabeth und wechselnden Dienstmädchen, die er mal mit dem Besen vermöbelte, mal zärtlich rundum massierte, in einer Dienstwohnung zwischen Whitehall und Westminster Abbey. Samuel Pepys war Frühaufsteher und ein Pionier der gleitenden Arbeitszeit. Er war tüchtig, arbeitete "gewissenhaft", vergnügte sich noch lieber, sang zum Absacken ein paar Lieder, spielte die Laute und unterhielt sich nächtelang mit seiner Frau. Es ist wahrscheinlich, dass er sonntags in bunter Weste und Beinkleid, sie im Moirégewand mit Spitze in Westminster Abbey dem Chorknaben Henry Purcell zuhörten.

Samuel Pepys fühlte sich im restaurativen Klima Londons wohl. Den Kaufleuten und Reedern hatte Oliver Cromwells Navigationsakte von 1651 den erweiterten Handel mit den englischen Kolonien gesichert, und Karl II. war nach Oliver Cromwells diktatorischer Parlamentsherrschaft König des Landes. Pepys überquerte in diplomatischer Angelegenheit den Kanal, denn die Niederländer sahen sich durch diese neue Bestimmung in ihrer Existenz als Zwischenhändler bedroht, und der Hollandreisende Pepys bemerkte verwundert, dass in Delft überall an den Wänden Sammelbüchsen für die Armen hängen. Pepys reorganisierte die britische Marine, ließ 30 Schiffe bauen, rückte im dritten holländischen Krieg in die Admiralität auf, wurde Staatssekretär und hatte bei seinem Tod 1703 das herausragende Alter von 70 Jahren erreicht.

Kein Hahn würde nach diesem Mann krähen, hätte er nicht von seinem 28. bis zu seinem 37. Lebensjahr ein Tagebuch geführt. Warum er das getan hat? Nicht aus Staatsräson oder anderen minderen Beweggründen. Die Beschäftigung mit der Gegenwart des Tages muss ihm einfach Spaß gemacht haben. Er konnte ihm seine Liebespraktiken, Überlegungen und Wunschfantasien anvertrauen. Sein Stil ist ohne Eitelkeit, aber voller Mitteilungssucht, die er nicht aus anderen Tagebüchern kopiert haben kann, denn dieses Genre war noch nicht in Mode. Vielleicht hätte er sich blendend mit der Briefschreiberin Charlotte von der Pfalz vertragen, beide waren deftig, komisch und selbstkritisch. Während ihr vom vielen Weinen die Augen schmerzten, konnte er immer schlechter sehen und rollte sich aus einem Stück Papier ein Fernrohr, um noch einigermaßen lesen zu können. Aus Angst vor der Erblindung gab Samuel Pepys im Mai 1669 das "geheime" Tagebuchschreiben auf. Sein Augenlicht hat er bis zu seinem Tod erhalten.

Samuel Pepys wird immer als Vorfahre des neureichen Typus dargestellt. Da kann man nur sagen: Schön wär’s, wenn Leute, die zu Geld kommen, noch so viel Restsinn für die Merkwürdigkeiten der Welt hätten! Pepys zählte zwar sorgfältig sein Geld und freute sich, dass seine Barschaft in nur einem Jahr von 200 auf 500 Pfund und drei Jahre später auf 1349 Pfund angestiegen war. Er war auch immer brennend daran interessiert, was etwas kostete, 4 Pfund und 10 Schilling ein Perlenhalsband für seine Frau, 23 Schilling sein kleiner vergoldeter Degen, 15 Schilling seine Seidenstrümpfe, und die Köchin musste zwölf Monate des Jahres 1663 für 4 Pfund Lohn in den Töpfen rühren. Aber, sonst würde sich heute kein Mensch bei der Lektüre dieser Tagebücher so köstlich amüsieren, Pepys sieht keineswegs nur Geld, er sieht sich in seiner Umgebung um, und was er sieht, beschreibt er klar und plastisch. Samuel Pepys will nicht "schriftstellern", er will die verschwindenden Tage und ihre Einmaligkeit und ihre Geheimnisse ohne Brimborium festhalten. Ein Bericht über den Krieg gegen die Niederlande (1665 bis 1667), die Enthauptung des Juwelendiebs James Turner ("etwa 12000 bis 13000 Menschen sollen auf den Straßen gewesen sein") beschreibt er so nüchtern wie seine vielen Ausflüge ins ländliche Brampton, wo sein Vater wohnt.

Was ihn mit den jungen Karrieristen der Gegenwart verbindet, ist die Lust am Geld, was ihn unterscheidet, ist die frühe Einsicht, dass geistferner Reichtum die reine Ödnis ist. Samuel Pepys war ein Mensch mit ausgreifenden Interessen (Philosophie, Astrologie, Medizin, Meereskunde, Gezeitenlehre). Er bestellt sich bei seinem Buchhändler in der Duck Lane Hobbes’ Leviathan, liest Montaigne in englischer Übersetzung, studiert das Buch der Märtyrer und Descartes’ Buch über die Musik und besucht jede Theateraufführung, einverstanden ist er nie. Er sieht Shakespeares Macbeth und geht "entgegen meiner Vorsätze und meiner Natur (so groß ist die Macht des Teufels, dass ich mich ihm nicht widersetzen konnte)" in die Lustigen Weiber von Windsor. Sein eindeutiges Urteil: "Entsetzlich gespielt."

Als seine in Kurzschrift verfassten Eintragungen 1825 erstmals und Ende des 19. Jahrhunderts in einer zehnbändigen Standardausgabe erschienen, freuten sich seine Leser über Pepys’ erotische Abenteuer an und unter Wirtshaustischen, in Küchen, Fluren und so weiter. Selbst die züchtige Auswahl Helmut Winters, die 1980 im Reclam Verlag erschien und im Vergleich mit dem neuen, von Volker Kriegel und Roger Willemsen herausgegebenen und von der Hautevolee der Karikaturisten illustrierten Prachtband alles Anstößige weggelassen hatte, genügte, seinen Ruf als Hurenbock hochzutreiben. Die neue Auswahl und Georg Deggerichs enorm flüssige Übersetzung gibt Pepys’ Tauziehen mit erotischen Übergriffen genüsslich preis. Samuel Pepys liebt seine Frau, hatte mit ihr im Bett großes Vergnügen und bei seinen Eskapaden ein schlechtes Gewissen. Seine Liebespraktiken und Fantasien beschreibt er in einem Kauderwelsch aus lateinischen, spanischen und französischen Brocken (in den Anmerkungen übersetzt): "De ella allerlei para hazer in mi mano" ("abends im Bett ließ ich meine Hände in Gedanken allerlei mit ihr machen"). Nach Elizabeths frühem Tod 1669 heiratet Samuel nicht wieder, sondern lebt mit einer Haushälterin zusammen. Doch das Tagebuch ist nicht nur eine Bilanz erotischer Ausflüge, es zeigt in einer Zeit, in der Liebesheiraten unüblich waren, das Bild einer glücklichen Ehe, alle Nörgeleien mit eingerechnet. Samuel Pepys war nicht nur ein Homme à Femmes, er war ein Ehemann, der sich mit seiner Frau und ihren Gedanken beschäftigte, er liebte das Private und verbrachte viel Zeit und Gedanken damit, sein Haus standesgemäß einzurichten, ließ sich und seine Frau in Öl malen und träumte davon, adelig zu werden und mit einer eigenen Kutsche durch die Stadt zu fahren. Als am 1. Mai 1669 tatsächlich rote Schleifen in den Mähnen seiner Pferde wippten, die grünen Zügel schnalzten und die vergoldeten Lampenhalter im Straßenlicht glänzten, jubelte Pepys über seine "farbenfrohe Kutsche", und London spottete.

Samuel Pepys’ Tagebücher zeigen die Stadt, wie man sie aus William Hogarths berühmt-spöttischen Gemäldezyklen kennt: ein dicht gedrängtes Leben, auf der Themse ein Gewusel von Booten, die Straßen zu hohen Festen mit Kies aufgeschüttet. London, 1665 von der Pest und 1666 vom großen Brand gezeichnet, wird in Samuel Pepys’ Darstellungen nah herangeholt, kein Hollywoodfilm kann das besser. Der Alltagsspezialist mit Sinn für die Anmut dekorativen Lebens beschreibt die Geselligkeit, nachbarschaftliche Gelage auf dem Dachgarten, das "Büro", die Kleider und das viele Essen und beobachtet das höfische Leben in einer Mischung aus Skepsis und Neugier. Über die Mätressen Karls II. regt er sich pharisäerhaft auf, das Königshaus, berichtet er im Frühjahr 1668, sei "ohne Geld und in einem beklagenswerten Zustand. Es geht dort so ruhig zu wie in einem Kloster." Wenn Elizabeth gar nicht weiterweiß, droht sie dem Papistenhasser mit dem Übertritt zum katholischen Glauben. Zu Gott betet er oft und kurz. Viele Eintragungen enden mit dem Seufzer "Möge Gott uns beistehen" oder "Was Gott verhindern möge", "Möge Gott uns allen gnädig sein". Der Mann, der den Jahrestag seiner überstandenen Blasensteinoperation als Auferstehung feiert, betrachtet seine körperliche Verfassung mit gleicher Fürsorge wie der junge Mann auf dem Laufband des Fitness-Studios unserer Zeit.