Der Regisseur Michael Moore will mit seinem Dokumentarfilm "Fahrenheit 9/11" dazu beitragen, dass George W. Bush im November abgewählt wird. Dieses Ziel verfolgt er mit allen propagandistischen Mitteln. Werden sie durch die guten Zweck geheiligt? Der Ethikrat ringt mit sich und seiner Wahrheitsliebe.

Dass Michael Moore Everybody’s Darling wäre – das wäre zu viel behauptet, aber vieler Leute Darling, zumal in Deutschland, ist er schon. Ob auch der des Ethikrats?

Mindestens zwei Seelen wohnen hier in des Ethikrats Brust. Er ist nämlich durchaus politisch interessiert. Er neigt zu entschiedenen, notfalls einseitigen Urteilen. Er scheut die Parteilichkeit nicht. Dass Philosophie die Aufgabe habe, die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern auch zu verändern, zum Besseren oder weniger Schlechten, ist für ihn gesichertes Glaubensgut, seit er die Marx- und Engelszungen studierte. Ja, eine gewisse Hitzköpfigkeit liegt ihm nicht fern. Gegen den derzeitigen amerikanischen Präsidenten hat er selber gewisse Allergien. Er hält seine Politik für fatal.

Als Amerika-Freund, der er aus reicher Erfahrung ist, freut er sich, wenn Amerikaner ihn in seiner Kritik bestärken. Kurzum: Er ist ein pro-amerikanischer Anti-Amerikaner, wahlweise ein anti-amerikanischer Pro-Amerikaner.

Andererseits ist er durch die Schule der Philosophie gegangen. Wahrheit (objektiv), Wahrhaftigkeit (subjektiv) scheinen ihm erstrebenswerte Güter zu sein. Die Ausgewogenheit von Meinungen und Urteilen nach dem Wahlspruch audiatur et altera pars (auch die Gegenseite möge gehört werden) ist für ihn nicht bloß die Ausgeburt repressiver Toleranz. Und nun soll dieses Doppelwesen Michael Moore einen Ethikrat geben, diesem schon im Outfit amerikanischsten aller Anti-Amerikaner.

Dass Moores Filme, die der Gattung Dokumentarfilm zugerechnet werden, gleichwohl nicht objektiv, nicht ausgewogen, vielmehr einseitig, parteiisch und polemisch sind, wird von Michael Moore selber nicht bestritten, im Gegenteil, er lässt keinen Zweifel daran, dass er auf den Bush klopfen will. Das hat die ethikrätlichen Sympathien. Für einen politischen Künstler ist es ohnehin legitim. Was darf die – selbstverständlich immer einseitige – politische Satire? Nach Tucholsky ebenso selbstverständlich alles. Auch die Tatsache, dass Moore sein dokumentarisches Material tendenziös montiert und manipuliert, schiene dem Ethikrat unbedenklich, wenn Moore sich nicht ebendamit den Methoden der Gegenseite anpasste, die durch das erfolgreiche Training floridaesker Wahlmanipulationen gegangen ist, den embedded journalism zu neuen Höhepunkten geführt hat und das bildersüchtige, bildergläubige Fernsehvolk der Amerikaner die Wonnen der Bildzensur genießen lässt. Aber ist dieser Angleichungsprozess nicht unvermeidlich, ja wünschenswert? Hat er nicht ehrwürdigste Traditionen auf seiner Seite? Von der Grundregel der Homöopathie, Gleiches mit Gleichem (similia similibus) zu kurieren, über Karl Marx’ parodistischen Imperativ, versteinerten Verhältnissen ihre eigene Melodie vorzuspielen, um sie zum Tanzen zu bringen, bis zu Bertolt Brechts bewegender Klage an die Nachgeborenen: "Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge / Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser."

Gegenpropaganda bleibt freilich Propaganda. Zudem will es dem Ethikrat scheinen, gerade eine Prise Objektivität könne dem politischen Zweck förderlich sein. Dem ratlosen Buben Bush, der vor amerikanischen Kindern aus der Fibel liest, muss man nicht, wie Moore, einen entlarvenden inneren Monolog soufflieren, um ihn zu erledigen: Das besorgt er schon selber. Und man muss den Saddam-Hussein-Irak nicht als Hort spielender Kinder feiern, um zu zeigen, dass amerikanische Interventionstruppen die Lage auch nicht besser machen. Der Ethikrat fasst unter diesen Umständen seine zwei Seelen beherzt zusammen: Je weniger Moore wie die Bush-Administration agiert, umso besser kann er sie bekämpfen.