Die kontemplative Haltung erlaubt uns, frei zu werden für den jeweiligen Gegenstand der Betrachtung: frei, uns eingehender auf ihn einzulassen, solange wir bei ihm verweilen. Die Zuwendung zu einem Gegenstand um seiner selbst willen ist um ihrer selbst willen lohnend. Sie erschließt darüber hinaus dem, der sich ihr überlassen hat, einen anderen Zugang zu den Herausforderungen des Lebens.

Das Lob der Betrachtung, zuerst von Aristoteles vorgetragen, hat der Philosoph Martin Seel bereits im Rahmen einer Theorie der ästhetischen Erfahrung des Naturschönen nachmetaphysisch erneuert und in ethisch-praktischer Hinsicht vertieft. Die systematische Tragweite des Ansatzes wird allerdings erst jetzt deutlich in einer Reihe von Aufsätzen und Vorträgen, in denen Seel sich das Ziel gesetzt hat, Adorno gegen seine Liebhaber und Verächter zu verteidigen. Hinter dem verzweifelt revolutionären Gestus des negativen Dialektikers steckt, wie Seel zeigt, ein durchaus positives Moment: die Erfahrung des Glücks der Kontemplation, ein Sinn für die Besonderheit des Daseins von Menschen und Dingen. Nur von diesem normativ gehaltvollen Ausgangspunkt aus ist seine Kritik gesellschaftlicher Praxis wie des identifizierenden Denkens zu verstehen - nur in diesem Zusammenhang wird die Bedeutung nachvollziehbar, die er der ästhetischen Erfahrung zugeschrieben hat. Eine philosophische Reflexion auf die Erfahrung der Kontemplation führt, wie Seel an Adorno zeigt, zu einem anderen (Selbst-)Verständnis der Philosophie - nicht nur Adornos.

Martin Seel: Adornos Philosophie der Kontemplation

Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2004 - 156 S., 8,50 e