So widersprüchlich, dass tragische wie groteske Klischeebilder von ihm nie verschwanden, war die Figur jenes österreichischen Bundeskanzlers, über den nun eine junge Historikerin eine Biografie verfasst hat. Wer war dieser Dollfuß, der im Juli 1934 in Wien von Nazi-Putschisten ermordet wurde? Ein Jahr vorher hatte er deren Partei ebenso wie die kommunistische verboten und vier Monate vorher, nach einem blutig niedergeschlagenen Aufstand Linksradikaler, auch die Sozialdemokraten. Durch einen Staatsstreich auf Raten sollte statt Demokratie ein katholischer Ständestaat entstehen, vielleicht sogar eine Monarchie (wie Dollfuß den damals 22-jährigen Otto von Habsburg wissen ließ). Während Hitler, erst kurz an der Macht, Österreich gleichschalten wollte und den Austro-Faschismus als Anschluss-Hindernis betrachtete, fühlte sich Dollfuß abgesegnet von der römischen Kirche und vom italienischen Duce, der ihn - wie ein Briefwechsel zeigt - bestärkte, Österreich aus dem Sumpf des Liberalismus herauszuführen.

Fatales Ziel mit fatalem Ende. Umso zweifelhafter bleibt, ob Dollfuß durch seine Ermordung vor 70 Jahren zum Märtyrer einer guten Sache wurde, ja sogar Österreichs Freiheit überhaupt erst möglich gemacht hat. So schließt die Autorin ihr Buch, in dem sie zeigt, wie komplexbeladen der kleinwüchsige Mann stets war - der Theologiestudent, dem die Priesterweihe verweigert wurde, weil er unehelich geboren war, und der Kanzler, der im Beichtstuhl unerkannt bleiben wollte, damit niemand Rückschlüsse auf sein Sündenregister ziehen konnte.

Gudula Walterskirchen: Engelbert Dollfuß - Arbeitermörder oder Heldenkanzler

Molden Verlag, Wien 2004 - 320 S., 24,80 e

Wolfgang Maderthaner/Michaela Maier (Hrsg.): Der Führer bin ich selbst

E. Dollfuß-Benito Mussolini Briefwechsel - Löcker Verlag, Wien 2004 - 157 S., 15,- e