DIE ZEIT: In den USA herrscht erhöhter Terroralarm. Saudi-Arabien hat es dieses Jahr schon mehrfach getroffen. Erst wurden in Riad westliche Arbeiter erschossen, dann wurde ein amerikanischer Ingenieur geköpft. Was bezwecken die Terroristen?

Loretta Napoleoni: Sie richten ihre Attacken gegen die westliche Wirtschaft. Die Kommuniqués von Osama bin Laden und anderen Al-Qaida-Mitgliedern im Internet sagen das deutlich: Die Destabilisierung der politischen Ordnung in Saudi-Arabien führte automatisch zu einem steigenden Ölpreis, der die derzeitige Erholung der Weltwirtschaft stoppen soll. Auch die Unruhe in den USA ließ den Ölpreis nun wieder steigen.

ZEIT: Hilft es al-Qaida, wenn die Konjunktur abfällt?

Napoleoni: Das übergeordnete Ziel ist es, das Haus Saud abzusetzen und durch eine fundamentalistisch-islamische Ordnung zu ersetzen. Osama bin Laden hat die Strategie nur verändert, als er nach dem ersten Golfkrieg sagte, das Haus Saud sei am ehesten verwundbar durch seine enge Verbindung zum Westen, ja, es sei Teil des Westens. Ich glaube, er hatte Recht mit dieser Analyse. Heute ist die Vision also: Die Zerstörung der westlichen Wirtschaft führt schließlich zum eigentlichen Ziel.

ZEIT: Die Angriffe vom 11. September waren also nur Mittel zum Zweck?

Napoleoni: Ja. Wir im Westen müssen feststellen, dass wir verwundbar sind, und die Terroristen wissen das. Um ein Klima der Nervosität zu schaffen, brauchte man nur zwei Supertanker an strategischen Schifffahrtswegen wie der Straße von Hormus oder dem Sueskanal anzugreifen. Das allein würde zur Panik führen. Zweifellos ist eine Reihe von Anschlägen vorbereitet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie ausgeführt werden, und wir können uns nicht dagegen schützen.

ZEIT: Wie konnte sich eine derart starke Struktur entwickeln?