Es gibt Leser", stellt Daniel Okrent fest, "deren Lebenszweck ist es, einen Kolumnisten der New York Times zu hassen. Und die schreiben alle, alle an mich." Der Buchautor und ehemalige Redakteur von Time Inc. ist seit einem guten halben Jahr Public Editor der New York Times, zuständig für Beschwerden aller Art. Okrent, ein stämmiger Mittfünfziger, arbeitet im Minenfeld. Irak-Krieg, Terrorangst, Massenvernichtungswaffen respektive das Fehlen derselben – es ist nicht leicht, Anlaufstelle für Unzufriedene zu sein. Schon gar nicht bei einem Blatt, dessen hoher Anspruch nur noch von der Meinungsfreudigkeit seiner Leser übertroffen wird.

Nach einem Skandal um frei erfundene Artikel eines Reporters, als Chefredakteur Howell Raines gehen musste, suchte dessen Nachfolger Bill Keller nach einer unabhängigen Instanz, um das Leservertrauen wiederzugewinnen. "Einer meiner früheren Redakteure hat mich empfohlen", sagt Okrent. "Aber ich habe es zur Bedingung gemacht, dass der Vertrag auf 18 Monate befristet ist. Ich wollte nicht in die Lage geraten, nett zu Times- Leuten zu sein, nur um meinen Job zu behalten." Seitdem bekommt Okrent, der im Bürohaus der Zeitung Tür an Tür mit den Kommentatoren und Kolumnisten arbeitet, 1000 bis 1100 E-Mails pro Woche. "Ohne das Internet wäre meine Arbeit so viel einfacher."

Vor einigen Wochen liefen die digitalen Drähte besonders heiß, denn die Times hatte eine, wenngleich vorsichtige, Berichtigung ihrer Kriegsberichterstattung veröffentlicht. Okrent fragte in seiner wöchentlichen Kolumne: Warum berichtete die Zeitung so oft über den angeblichen Fund von Massenvernichtungswaffen? "Der Drang nach Exklusivität, der Drang, seinen Namen auf Seite eins zu lesen, mangelndes Nachhaken, Schmusen mit Quellen, zu hastiges Redigieren", fasste er es zusammen. Wer war schuld? "Wir nennen bei Korrekturen keine Namen, denn für Nachrichten ist die Zeitung als Ganzes verantwortlich."

Hauptschuldiger war offenbar – lässt sich herauslesen – der alte Chefredakteur Howell Raines. Okrent schüttelt entschieden den Kopf. "Bill Keller wollte diese Korrektur eigentlich gar nicht im Blatt haben, da er genau den Eindruck vermeiden wollte, es werde nachgekartet. Aber der Druck war doch zu groß. Zum einen sind viele kritische Artikel über unsere Kriegsberichterstattung in linken Blättern erschienen, auf die haben unsere Leser reagiert. Und es gab internen Druck der Redaktion."

Die Kriegsberichterstattung der Zeitung erntete Kritik aus dem gesamten politischen Spektrum. "Die Linken meinten, wir redeten den Skandal schön, die Rechten warfen uns vor, den Kriegserfolg zu gefährden", sagt Okrent. In der Redaktion war es umstritten, den Begriff "Folter" zu verwenden. "Ein Ressortleiter sagte mir, bei ›Folter‹ denke er an Elektroschocks und Bambusspitzen unter Fingernägeln, nicht an nackte Menschen." Daraufhin habe er sich an den internationalen Verband der Public Editors gewandt und erfahren, dass die meisten Zeitungen in Frankreich, England und Spanien das Wort "Folter" zumindest in der Überschrift vermieden. Welchen Begriff würde die Times verwenden, wenn GIs so behandelt würden? Okrent stutzt. "Ein guter Punkt", sagt er. "Ich werde den in eine meiner Kolumnen einarbeiten."

Okrent darf über Kulturkolumnen schreiben und über den Auto- und Reiseteil. Was immer er will. "Nicht einmal Bill Keller liest meine Texte, bevor sie in Druck gehen. Es gibt nur einen Korrektor, der sie durchsieht." Andererseits, wenn ein Kollege sauer reagiert, veröffentlicht er das auch – auf seiner Website, wo er die Antworten von Lesern auf seine Kolumne veröffentlicht.

Zweieinhalb Stunden täglich liest Okrent die Zeitung, und dabei ahnt er bereits, welches Stück Reaktionen provoziert. Und welcher Schreiber regt die Leser am meisten auf? "Es gibt drei Kolumnisten, die polarisieren", sagt Okrent. "Maureen Dowd, William Safire und Paul Krugman – nein, warten Sie, niemand kriegt so viel Hass-Mails wie Thomas Friedman." Vor allem für zionistisch gesinnte amerikanische Juden sei Friedman, der über den Nahen Osten schreibt, ein rotes Tuch. "Die werfen ihm vor, er sei entweder ein Antisemit oder ein sich selbst hassender Jude", sagt er. "Wenn mir jemand so kommt, sage ich immer: ›Nee, ich hasse nicht mich – ich kann euch nicht leiden.‹"

Allerdings machen auch linke Juden Druck. "Die stehen regelmäßig mit ›Scharon ist ein Mörder‹-Plakaten vor unserer Drehtür." Andere Interessengruppen, so Okrent seien ebenfalls recht aktiv. "Schwulenverbände, Tierrechtsorganisationen, Künstler, Republikaner. Demokraten auch, aber die sind nicht so gut organisiert wie die Republikaner." Gelegentlich trifft sich Okrent mit Vertretern solcher Gruppen. "Ich kann als Mediator zwischen denen und der Redaktion auftreten", sagt er. "Versprechungen kann ich natürlich keine machen." Unternehmen hingegen gäben sich kaum mit ihm ab. "Die kommen gleich mit dem Anwalt, mit den dicken Kanonen." Und dann gibt es noch die professionellen Kritiker, von denen einige sogar Anti- Times- Websites eingerichtet haben. "Die mögen mich und drucken mich nach, weil ich die Times kritisiere, wie milde auch immer. Die denken, der Feind meines Feindes ist mein Freund."