Die Füße schmerzen vom Barfußrennen, die neuen Gewänder zwicken, und auch die antike Kost ist gewöhnungsbedürftig – aber wer sich in den Dienst historischer Wahrheitsfindung stellt, muss solche Unbill aushalten können. Die Helden von Olympia heißt schließlich die Doku-Soap, die der Kultursender Arte seit zwei Wochen täglich ausstrahlt und die am kommenden Sonntag in den Film Olympia – Siegen für die Götter mündet. Berichtet wird von zwölf europäischen Profisportlern, die sich im Frühling 2300 Jahre in die Vergangenheit versetzen ließen, um die Olympischen Spiele der Antike nachzustellen, an antike Stätten, die Bühnenbildner detailgetreu arrangiert haben – in eine Welt ohne Handy, ohne Shampoo, ohne Kontakt zur Außenwelt.

Das klingt zwar ein wenig wie das Reality-Format Die Alm auf ProSieben, wo so genannte Prominente auf einen Berg geschickt und in Jauche gebadet wurden. Aber natürlich soll die Kultur-Soap auf dem Kultursender mit der Trash-Soap auf dem Privatsender rein gar nichts zu tun haben: Die Arte-Inszenierung steht unter wissenschaftlicher Überwachung, und der Zweck des Ganzen ist nicht etwa die schnöde Befriedigung des allgemeinen Authentizitätsverlangens, sondern der archäologische Erkenntnisgewinn: die Überprüfung und Erweiterung des Wissens, das Historiker über den antiken Sport besitzen.

Doch offenbar lässt sich Arte von den anschwellenden Quotenkurven des Realitätsfernsehens beeindrucken – während 40 Wochen strahlt der Sender in diesem Jahr bereits Doku-Soaps aus. Die Bereiche, in die Kameras noch nicht vorgedrungen sind, werden knapp und knapper, und jetzt, pünktlich zu den Olympischen Spielen in Athen, müssen auch die alten Griechen dran glauben. Ein wenig Popularität in Form von Actionfernsehen kann die Antike gut gebrauchen, schließlich haben Schulfunk und Lateinstunden sie uns lange genug verleidet. Ob die Verseifung von Geschichte aber auch zu einem besseren Verständnis beiträgt?

Die jungen Athleten wandeln nun also zwischen Säulen, essen Oliven und hartes Brot, leben ihr "einfaches, naturnahes Leben" (Arte-Homepage), vollführen seltsame Bodenturnübungen und trainieren die klassischen Disziplinen: Weitsprung mit Gewichten, Pankration (eine Art Catchen), Laufen mit und ohne Waffen, Fünfkampf und Wagenrennen mit Vierergespann. Sogar Sklaven erhalten sie zugeteilt, und abends dürfen sie am Lagerfeuer Theateraufführungen beiwohnen. Bis sie dann am Ende ihrer Trainingszeit das rekonstruierte Gelände bei Nizza verlassen, um einzuziehen in die originale Stätte: das Stadion von Olympia, wo die griechischen Behörden laut Arte seit dem 17.Jahrhundert noch nie Sport erlaubt hätten. So viel Echtheit war selten.

Beeindruckend auch die wissenschaftliche Ausbeute: Christoph Maier alias Leinomachos von Elis, seines Zeichens niederrheinischer Meister im Speerwerfen, findet zum Beispiel heraus, dass der antike Speer wohl anders geworfen wurde, als die Historiker bisher glaubten. Und auch für den Pflock, den es bei manchen Läufen zu umrunden gilt, entwickeln die Sportler im Training erst die passende Technik – ob es auch die Griechen so machten, bleibt trotzdem bis in alle Ewigkeit ungewiss.

Die Rekonstruktion stößt wie jede andere an Grenzen – zum Beispiel des Geschmacks. Die alten Griechen liefen nackt, das geht heute natürlich nicht mehr, und so laufen die Neo-Griechen jetzt in hautfarbenen Stringtangas über Berg und Tal. Der Faustkampf wurde einst mit Lederriemen an den Händen ausgetragen, gezielt wurde direkt aufs Gesicht – zu brutal, zur Dokumentation muss eine Simulation genügen. Aber immerhin: Beim Pankration, dem antiken Vorläufer des Freistilringens, ist in der olympischen Arena tatsächlich Blut zu sehen – ganz original.

An der großen Olympia-Nacherzählung des Regisseurs Philippe Moulins irritiert nicht der Umgang mit den gesicherten Fakten, sondern die mangelnde Distanz der eigenen Inszenierung gegenüber: So viele Unsicherheiten bleiben, und das richtige Kostüm zu tragen bedeutet noch lange nicht, zu wissen, wie das Leben in der Antike war. Was wir zu sehen bekommen, sind harmlose Bubenspiele – das Pathos und die vor Ehrfurcht zitternden Stimmen, mit denen sie kommentiert werden, wirken da unfreiwillig komisch. Die Idealisierung der alten Griechen wollte Arte eigentlich vermeiden, aber sie findet trotzdem statt: zum Beispiel wenn die Sieger am Ende mit einem naiven Glänzen in den Augen vom "großen Gefühl" reden, "in Olympia gewonnen zu haben".