Bescheidenheit war nie seine Zier. Von Francis H. C. Crick war man großspurige Übertreibungen gewöhnt. Deshalb zuckte seine Frau Odile auch nur mit den Schultern, als ihr Mann am 28. Februar des Jahres 1953 bedeutungsschwer verkündete, er habe nun das "Geheimnis des Lebens" gefunden. Francis habe ständig solche Dinge behauptet, erinnerte sich Odile später. Deshalb habe sie ihm – wie üblich – damals kein Wort geglaubt.

Wer konnte 1953 auch ahnen, dass der Doktorand Crick, der mit lauter Stimme und dröhnendem Gelächter die Kollegen am Cavendish Laboratory nervte, gemeinsam mit seinem Kollegen James Watson tatsächlich den Code des Lebens geknackt hatte? Dass es den beiden "wissenschaftlichen Clowns" (wie sie der Biochemiker Erwin Chargaff nannte) gelungen war, die lang gesuchte Struktur des Erbgutmoleküls DNA (Desoxyribonucleic acid) aufzuklären – und damit das Zeitalter der modernen Gentechnik einzuläuten?

Die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt war Francis Crick daher sicher, als er ein gutes Vierteljahrhundert später wieder einmal mit einer großartigen Ankündigung an die Öffentlichkeit trat: Nun behauptete der DNA-Entdecker, das lange für unfassbar gehaltene Rätsel des menschlichen Bewusstseins könne mit naturwissenschaftlichen Methoden gelöst werden. Nicht dass der inzwischen zum Nobelpreisträger geadelte Forscher eine Lösung anzubieten hatte. Dennoch löste Crick, wie der Scientific American notierte, mit seiner Behauptung eine "intellektuelle Stampede" aus, die immer mehr Hirnforscher, IT-Experten, Psychiater und Philosophen auf der Suche nach dem Bewusstsein mitriss.

Zuvor war diese intimste Eigenart des menschlichen Geistes ein Thema für Philosophen oder Theologen gewesen, nicht jedoch ein legitimer Gegenstand für reduktionistisch denkende Naturwissenschaftler. Nur eine Jahrhundertgestalt wie Francis H. C. Crick, der unter Biologen einen ähnlich legendären Ruf genoss wie seinerzeit Albert Einstein unter Physikern, konnte das Thema Bewusstsein auf die Tagesordnung heben, ohne gleich in den Verdacht wissenschaftlicher Esoterik zu geraten.

Mancher Kollege mag in diesem Themenwechsel Cricks die Marotte eines älteren Forschers gesehen haben, der mit 61 Jahren England und die Molekularbiologie hinter sich ließ, um unter der Sonne Kaliforniens ein wenig über Gehirn und Bewusstsein zu spekulieren. Doch für Francis Crick war der Wechsel 1977 ans Salk-Institut in La Jolla alles andere als ein Rückzug aufs Altenteil. In Wahrheit war sein Versuch, das Wesen des menschlichen Geistes zu enträtseln, nur die Fortsetzung eines Lebensentwurfs, den er bereits als junger Mann aufgestellt hatte.

Als sich der 30-jährige Crick nach einem Physikstudium und den Wirren des Zweiten Weltkriegs fragte, womit er sich beschäftigen solle, fielen ihm nur zwei Themen ein, die die wissenschaftliche Arbeit lohnten. "Was mich am meisten interessierte", so erzählte er später, "war das, was man heute Molekularbiologie nennt und was für mich die Grenze zwischen Leben und Nichtleben war und die Arbeitsweise des Gehirns."

Dass er nur vier Jahre benötigen würde – von 1949 bis 1953 –, um die Struktur der DNA und damit gewissermaßen den Bauplan des Lebens zu entschlüsseln, hätte der junge Crick damals selbst nicht für möglich gehalten. "Das war ein Glückstreffer", bekannte er rückblickend, "ich dachte, dass mich dieses Problem den Rest meines Lebens beschäftigen würde."

Die Geschichte dieser Jahrhundertentdeckung – von der chaotisch-genialen Zusammenarbeit der Doktoranden Watson und Crick, ihrer anfänglichen Ignoranz, die nur von ihrem unbändigen Ehrgeiz übertroffen wurde, ihren endlosen Gesprächen im Eagle-Pub über Mädchen und DNA-Strukturen und ihrem Glück, einen Fehler im Entwurf des großen Konkurrenten Linus Pauling zu entdecken –, diese Geschichte wurde mittlerweile so oft erzählt, dass sie inzwischen selbst zum Mythos geworden ist. Am eindrücklichsten ist wohl die Schilderung, die James D. Watson 1967 selbst niederschrieb. Sein offenherziges Buch Die Doppelhelix wurde für Generationen von Biologiestudenten zur Pflichtlektüre und kostete ihn fast die Freundschaft zu Crick, der vergeblich versuchte, das Erscheinen des Buchs zu verhindern.