Pjöngjang ist eine Klanglandschaft, eine Stadt, die man am besten durch das Ohr aufnimmt. Wer morgens einen Blick aus dem 40. Stock des Yanggakdo-Hotels wirft, einem der Türme in der zum Himmel strebenden Hauptstadt Nordkoreas, der sieht nichts, nicht einmal die kleine Insel, auf der der Hotelklotz ruht, mitten im trägen Fluss Taedong. Alles verschwindet im milchigen Morgennebel. Aber von unten, aus der Stadt, dringt ein leises Säuseln. Eine Art asiatische Operette, Revolutionsmusik, Märsche, Fanfaren, schließlich, um sieben Uhr, eine Sirene. Nein, keine Katastrophe, kein Alarm. Nicht die Amerikaner kommen, es ist nur der kollektive Weckruf, gefolgt von den hysterischen Sprüchen der Einpeitscher. Der Staat ruft.

Überall sind in Pjöngjang Lautsprecher installiert, selbst aus den Büschen hört man morgens die scharfen Rufe der Propaganda. Aber auch erstaunlich sanfte Musik. Stimmen und Melodien verschmelzen, überblenden sich. "Das Antreiben zur Arbeit hat eine lange Tradition", erzählt ein Koreanist, der für die ansässigen Botschaften übersetzt. "Oft gibt es ebenso viele Antreiber wie Arbeiter."

Aktuelle Zeitschriften frei zugänglich für jedermann – das gab’s noch nie

Der Hörsinn ist das ideale Medium der Diktatur, das wusste schon Stalin. Inzwischen hat sich ein kleiner Störsender in Kim Il Sungs Reich eingenistet, einer mit begrenzter Reichweite, aber nicht abschätzbarer Wirkung. Anfang Juni eröffnete das Goethe-Institut eine "Informationsstelle" in Pjöngjang. Goethe in Nordkorea – geht das überhaupt? Wie soll man mit einem Land Kulturaustausch betreiben, dessen Kulturbegriff ein ganz anderer ist? In dem schon die Kinder dressiert werden und Olympiasieger erklären, sie verdankten den Erfolg allein dem "Großen Führer"? Der starb vor zehn Jahren, am 8. Juli 1994, und regiert das Land immer noch – als "Ewiger Präsident", gleichsam aus dem Grabe heraus. Assistiert wird er im Diesseits von seinem Sohn, dem "Lieben General" Kim Jong Il, von dem allerdings niemand genau weiß, wo er wohnt und was er tut.

Jeder, den es nach Nordkorea verschlägt, wird vor das Standbild des Großen Führers geführt, einer zwanzig Meter hohen Monstrosität aus Bronze. Dort muss er einen Kranz oder wenigstens einen Blumenstrauß niederlegen; Gebinde sind für zehn Dollar in der Nähe des Mansudae Grand Monument käuflich zu erwerben. Bei der Eröffnung der Informationsstelle verweigerte sich Jutta Limbach, die Präsidentin des Goethe-Instituts, dem Ritual. "Wir haben in unserem Land eigene Erfahrungen mit der Geschichte und einem allzu großen Personenkult gemacht und bitten dafür um Verständnis, dass wir bestimmte Symbole nicht mitvollziehen können", erklärte sie den verdutzten Gastgebern.

Die Vermittlungsstelle für Deutsche Wissenschaftliche und Technische Literatur im Goethe-Informationszentrum Pjöngjang, kurz "Lesesaal" genannt, ist in einem alten grauen Gebäude im Chollima-Kulturzentrum untergebracht. Chollima heißt in Korea ein sagenhaftes Pferd, jeder Schritt bringt es zwölf Meilen voran, und ebenso schnell soll es auch in Nordkorea vorangehen, gern mit Hilfe der Deutschen. 8000 Bücher sollen hier in Zukunft stehen, 4000 sind es schon, zumeist über Bergbau, Chemie und Medizin, aber es gibt auch eine kleine literarische Abteilung mit Goethe, Brecht, Grass, Musil. Sogar aktuelle Zeitschriften und Zeitungen wie ZEIT , Spiegel oder FAZ sollen im Lesesaal für jedermann frei zugänglich sein – eine Sensation in einem Land, wo selbst die nordkoreanischen Bücher zensiert sind, jedenfalls alle, die älter als 15 Jahre sind, weil man dort die historischen Umschreibungen bemerken könnte. Allerdings dürfen Druckerzeugnisse, in denen Männer oder Frauen allzu freizügig dargestellt sind, von der nordkoreanischen Seite konfisziert werden – was mitunter zu einer De-facto-Zensur führen dürfte. Zudem stimmt es nachdenklich, dass die Ortskraft des Goethe-Zentrums, ein Nordkoreaner, der in Deutschland geschult wurde, zwar kaum Deutsch spricht, dafür aber viel Zeit mit den Vertretern des Geheimdienstes verbringt. Es wird wohl nicht lange ein Geheimnis bleiben, wer den Lesesaal betritt und was er liest.

"Auch wir haben ein Netz von Beobachtern ausgelegt und werden genau verfolgen, ob der freie Zugang zum Lesesaal gewährt wird", sagt die deutsche Botschafterin Doris Hertrampf, eine resolute Frau, die den Herren der nordkoreanischen Betonfraktion ohne Angst und Umschweife die Stirn bietet. Die erste Bilanz nach gut zwei Monaten: Bisher gibt es keinerlei Grund zur Klage. Die nordkoreanische Seite hat den Vertrag erfüllt, Bücher wurden nicht selektiert und niemand, der den Lesesaal betreten wollte, wurde zurückgewiesen, wie manche befürchtet hatten. Inzwischen ist die Reichweite des "Lesesaals", dieser 140 Quadratmeter Deutschland, sogar erheblich gestiegen: Sämtliche Medien der Bibliothek sind elektronisch erfasst und stehen nun im nordkoreanischen Intranet, sind also landesweit zugänglich – ein absolutes Novum für Nordkorea.

Es ist in erster Linie Uwe Schmelter, der all das scheinbar Unmögliche geschafft hat. Mit rheinischem Frohsinn und bemerkenswerter Hartnäckigkeit hat der Leiter des Goethe-Instituts in Seoul den Weg zum Kulturaustausch mit dem Norden freigeräumt. Es begann mit Besuchen des Isang-Yun-Ensembles in Deutschland, erst 1999 und dann nochmals vor ein paar Wochen, alles sehr erfolgreich. In einer Zeit, in der die amerikanische Regierung die maximale Abschottung des isoliertesten Landes der Welt propagiert, betreibt das Goethe-Institut ein Stück Weltpolitik.