Keiner zu Hause. Die Tore der Wüstenfestung sind mit einem dicken Vorhängeschloss verriegelt. Uneinnehmbar wirkt das alte Lehmgemäuer, das über der südiranischen Stadt Rayan thront. Zinnen und Türme sind aus einer Mischung aus Stroh und Staub geformt und erdfarben wie die kargen Berge, die die Festung von allen Seiten einrahmen.

In die Wüstenstille dringt das Knattern eines Motorrads. Von der Stadt her kommt eine alte MZ den Berg zur Zitadelle hinaufgepoltert. Zwei Zentimeter vor den Toren der Burg bringt der Fahrer, ein Mann mit wildem Vollbart, das Gefährt zum Halten. Seine türkisfarbene Gebetskette schlackert vom Bauch auf den Rücken, als er sich von der Maschine schwingt. Der Mann hält sich nicht mit langen Erklärungen auf. Er holt einen mächtigen Schlüsselbund aus den ausgebeulten Militärhosen, prüft mehrere Schlüssel und entscheidet sich für den größten. Er passt. Knarrend öffnen sich die Tore zur Lehmburg.

Hamid Hedayad muss sich erst daran gewöhnen, dass sich Touristen für seine Festung interessieren. Rayan stand lange Zeit im Schatten der Mutter-Zitadelle Arg-e-Bam, die im Dezember vergangenen Jahres durch ein Erdbeben zerstört wurde. Die erst vor wenigen Jahren restaurierte Zitadelle von Rayan, die etwa 150 Kilometer nordwestlich von Bam liegt, blieb dagegen verschont. Seit über 1600 Jahren stehen die alten Mauern. Mit der Ruhe, die das antike Bauwerk ausstrahlt, könnte es allerdings bald vorbei sein: "Neuerdings kommt fast jeden Tag jemand, um die Anlage zu besichtigen – manchmal sogar Gruppen", sagt Hedayad.

Gleich gegenüber dem Eingangstor hat er seine Werkstatt eingerichtet. Rund um ein Teppichpolster liegen Feilen, Messer, Schleifmaschinen, Schraubenzieher und Drähte. Als Rayan noch seinen Dornröschenschlaf schlief, restaurierte Hedayad hier altes Kriegsgerät: antike Eisenmesser, hölzerne Messerknäufe und Gewehrläufe. Ein Handwerk, das bereits sein Vater und Großvater beherrschten. Denn die Fertigung von Waffen ist eine alte Spezialität Rayans, das zum Ende der Sassaniden-Dynastie (2. bis 6. Jahrhundert nach Christus) als militärischer Vorposten zur antiken Handelsmetropole Bam konzipiert wurde.

Die Herrscher von Bam machten Rayan zum Militärstützpunkt wegen seiner strategisch günstigen Lage nahe der Handelsroute von Fernost in den Orient. Hier legten die Karawanen der Tuch- und Gewürzhändler einen Zwischenstopp ein, bevor sie ihren Weg nach Bam fortsetzten. Rayan liegt, umgeben von schneebedeckten Bergen, auf einer Höhe von 2700 Metern, wodurch auch während der heißen Jahreszeit ein halbwegs erträgliches Klima herrscht. Darum wurde ungefähr ein Drittel der in Bam stationierten militärischen Einheiten während der Sommermonate hierher gebracht. Auch die Herrscherfamilie schätzte die Zitadelle als Sommerresidenz: Mehrere Monate pro Jahr zog sie mit dem gesamten Hofstaat ins Gebirge. Ein Fluss, der von Rayan nach Bam fließt, ermöglichte Warenverkehr zwischen den beiden Zitadellen.

Rayan sieht aus wie eine Miniatur von Bam: Mit vier Hektar besitzt die Festung nur ein Fünftel der Fläche der Mutter-Zitadelle. Wie in Bam befindet sich im Innern der Umfassungsmauern eine strikt hierarchisch aufgebaute Wohnstruktur mit abgetrennten Bereichen für die Königsfamilie, Aristokratie, Militär und Fußvolk. Hedayad führt die Besucher durch die Räume der Händler zu den Unterkünften der Zitadellenbewohner. Wind und Sonne haben die alten Lehmgebäude teilweise stark beschädigt, teilweise wurden sie aber auch mit großer Sorgfalt restauriert. Das Haus der Herrscherfamilie befindet sich in einem vorbildlichen Zustand. Zu erkennen sind sogar Teile der Inneneinrichtung: Lehmbänke und Lehmtische, Bäder und Brunnen, Öfen zum Brotbacken und in das Gemäuer geschlagene Futtertröge für die Pferde.

Das Herz der Anlage bildet ein großer, mit Lehmziegeln gepflasterter Platz, auf dem Militärparaden abgehalten wurden. Der Kommandeur befehligte die bis zu 1300 Soldaten Rayans von einem vier Meter hohen Podest aus, unter dem sich ein Torbogen befindet. Dieses Tor war die Verbindung zwischen dem militärischen Bereich und den königlichen Wohnräumen. Die zu betreten war jedoch Rangniederen strengstens untersagt.

Auch in Bam blieb der innerste Zirkel der Zitadelle der Königsfamilie vorbehalten. In den äußeren Bereichen der gigantischen Burg hingegen befand sich eine komplette antike Stadt mit 12000 Einwohnern. Nach dem Erdbeben findet man dort wenig mehr als Schutt. Bloß einige Grundmauern lassen die einstige Pracht der Anlage ahnen. Begehbar ist das Gelände nur noch über einen behelfsweise angelegten Bretterweg, der über die Trümmer der alten Bauwerke zum großen Turm der Zitadelle führt. Auch er ist zusammengebrochen. Mohammed Gasamfari, ein 45-jähriger Familienvater mit angegrauten Bartstoppeln, hat hier früher Touristen herumgeführt. Ihm treten Tränen in die Augen, wenn er die Verwüstung sieht: "Diese Mauern haben 1700 Jahre standgehalten. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass sie in einer einzigen Nacht zerstört werden könnten."