So hoch er einstieg, so leicht geriet er ins Taumeln. Mit 21 Jahren vollendete Hans Rott, grandios begabt, eine Sinfonie, legte sie dem einflussreichen Johannes Brahms vor und war von der Abfuhr schwer erschüttert: Das können Sie unmöglich selbst gemacht haben! Als Kompliment war das nicht zu verstehen, denn abgesehen von der verdächtig souveränen Machart missfiel dem Meister der Stil - zu viel Wagner und Bruckner.

Jedenfalls erhielt Hans Rott den wichtigen Kompositionspreis nicht, über den auch Brahms zu entscheiden hatte. Ein Jahr später, 1881, ging es Gustav Mahler mit Brahms und dem Preis ähnlich. Aber Mahler wurde daran nicht irre.

Rott war es zu der Zeit bereits.

Weil er sich in Wien nach der Ablehnung ohne Chance sah, hatte er eine Stelle als Chorleiter im fernen Elsass angenommen. Auf der Eisenbahnfahrt dorthin verdichteten sich die Wahnideen. Mit gezückter Pistole hinderte er einen Mitreisenden daran, sich eine Zigarre anzuzünden: Das sei zu gefährlich, ein gewisser Brahms habe den Zug mit Dynamit füllen lassen. Rott drehte durch, vier Jahre später starb er in der Niederösterreichischen Landes-Irrenanstalt.

An Tuberkulose, heißt es. Oder an Syphilis? Oder an zerbrochener Zukunft.

Es wäre eine große Zukunft geworden. Wundersam und sommerlich blüht sie hoch am Anfang der E-Dur-Sinfonie und in der liebevollen Neueinspielung durch das Münchener Rundfunkorchester unter Sebastian Weigle (arte nova/bmg 82876 57748). Zwanglos von Wagner und Bruckner sich nährend, ist die Musik mediterraner, unbeladener, geschrieben mit der Wärme der Weltliebe - und der Eile des Überschwangs. Erschreckend jäh türmen sich Modulationen zur gleißenden C-Oktave, die Posaunen knallen ein As drunter, und schon bringen die Holzbläser in As-Dur ein Ständchen, aus dem sich ein chromatisches Fugato schlängelt bis zu Brucknerschen Blechchoralbrocken mit Pizzicato ...

Derlei genialer Überschuss, der im langsamen Satz zu clusterhafter Dichte führt, fasziniert auch im Scherzo. Trivialweisen geraten in dreisten Überschneidungen und Verbiegungen auf jene Ebene, von der man bis 1989 annahm, Gustav Mahler habe sie erschlossen. Mit mehr als einem Jahrhundert Verspätung wurde Rotts Werk uraufgeführt, und keiner konnte überhören, wie viel davon einst Mahler übernommen hat. Zumal der zweite Satz seines Titans ist Rotts Scherzo nachgeschrieben, freilich in geschärfter Perspektive. Jetzt versteht man, warum er sagte, Rott sei der Begründer der neuen Symphonie, wie ich sie verstehe.