Großer Theatermoment: Das Mädchen Emmeline, blind von Geburt an, lernt das Sehen. Ein Zaubertrank netzt ihre Augen. Und vor Emmeline erblüht die Welt. Die junge Frau, die jubelnd das Licht entdeckt, will gleich auch wissen, wie sie wohl selbst aussehe. Also macht sie eine schnelle Drehung um sich selbst, als wäre der eigene Körper nur ein träger Tanzpartner, dem man sich entwinden kann. Emmeline, die von Spiegeln noch nie gehört hat, will sich selbst unter die Augen treten.

Bei den Salzburger Festspielen wird Emmelines Wunsch auf zeitgemäße Weise erfüllt. Eine Freundin, Matilda, eilt mit einer Kamera herbei und filmt Emmeline. Schau, dieses hübsche Wesen auf der Leinwand, das bist du. Emmeline kann es nicht fassen: Ich? Echt wahr? Dann möchte Emmeline ihren Liebsten sehen, den sagenhaften König Arthur, den sie nur als Leib und als Stimme kennt.

Arthur schleicht heran mit einem fröhlichen Bescherungsgesicht. Aber er tritt nicht vor die Braut, sondern vor die Kamera, die für Emmeline sein Bild einfängt: Der schöne Junge auf der Leinwand, das ist dein König. Kein Priester wirkt das Wunder, sondern die Kamera: Sie schließt den Bund zwischen ihnen, den erst der Tod lösen wird.

So feiert Jürgen Flimm in seiner Inszenierung von Henry Purcells und John Drydens Semi-Oper King Arthur (1691) den Moment, da ein Mensch aus der Finsternis tritt: Er rückt mit der Kamera an und hält alles fest. Man weiß nicht recht, ob dies der ironische Kommentar eines alten Fuchses zur aktuellen Mode ist – erst durch Video sieht das Theater sich selbst – oder doch eher ein Versuch, selbst en vogue zu sein. Wie auch immer, Flimm macht, was fast alle machen. Er spickt seine Inszenierung mit gefilmter Welt. In den Arkaden der Salzburger Felsenreitschule lässt er Videovögel fliegen, und auf einer Leinwand am Bühnenrand stellt er die Figuren des Spiels mit Namen und Funktion vor ("Arthur: liebt"; "Elfen: helfen den Braven").

Ein Held, der durch Stolpern vorankommt

Vier Inszenierungen sah der Rezensent bei diesen Festspielen, drei davon arbeiten mit Video. So wie im Alltag die Klage über das Fernsehen die Klage über den Zustand der Welt abgelöst hat, so hat im Theater das Video längst alle anderen Mittel der Beschwörung von Welt übertrumpft.

In manchen Inszenierungen ist die Videoprojektion der sinnvolle Versuch, Transparenz zu gewinnen, Durchblick auf hinter der Szene oder in den Figuren verborgene Welten. Viel öfter aber erweist Video sich im Theater als ein Durchblick auf nichts, als Konvention – wie das Blumenfenster in den Bungalows der sechziger Jahre oder das Aquarium im Chinarestaurant. In den meisten Fällen ist Video so etwas wie Glutamat: ein billiger Weg, die Geschmackswirkung zu steigern.