Die deutsche Hauptschule ist ein falsches Bildungsversprechen. Schon ihr Name führt in die Irre: Gerade ein Viertel der Neuntklässler besucht heute noch eine Hauptschule. Selbst in Bayern und Baden-Württemberg, die traditionell eine Politik zugunsten der Hauptschule betreiben, ist diese längst nicht mehr die Schule der Mehrheit. In einigen Großstädten liegt der Anteil der Hauptschüler an der Schülerschaft gar unter zehn Prozent. Besonders hier gilt die Hauptschule als Sammelbecken für Schüler aus schwierigen sozialen Verhältnissen und bildungsfernen Familien, als letzter Hort für Migrantenkinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse, als Endstation für Schüler mit negativen Schulkarrieren und Disziplinproblemen.

Genau dies sollte, als sie Mitte der sechziger Jahre entstand, die Hauptschule nach dem Willen ihrer Begründer nicht werden. Sie konzipierten die Nachfolgerin der traditionellen Volksschule vielmehr als ernst zu nehmende Alternative zu Realschule und Gymnasium, deren steigende Schülerzahlen man mit Skepsis beobachtete. Insbesondere durch die Aufnahme von Englisch und der modernen Naturwissenschaften ins Curriculum sollte die Hauptschule aufgewertet werden; nicht mehr Allroundpädagogen, sondern ausgebildete Fachlehrer sollten nun den Stoff auf höherem Niveau unterrichten.

Die Reform misslang weitgehend. Während der neue Unterricht viele schwächere Schüler überforderte, zog es die leistungsstärkeren ungebrochen auf Realschule und Gymnasium. Die deutsche Wirtschaft verlangte nach besser ausgebildeten Schulabgängern, gleichzeitig stiegen bei Eltern und Schülern die Ansprüche an Bildung. Nur die mittlere Reife, oder besser noch, das Abitur versprach sozialen Aufstieg. Eine historisch einmalige Bildungsexpansion setzte ein, in deren Folge die Hauptschule fast zwangsläufig als Verliererin zurückblieb. Sie geriet in eine Abwärtsspirale aus sinkenden Schülerzahlen und schwindender Reputation, die bis heute anhält. In einigen Hauptschulen müsse man fragen, heisst es im Bericht der deutschen Pisa-Kommission aus dem Jahr 2001, "ob Deutsch noch die dominante Verkehrssprache ist".

Ballen sich in einer Klasse – oder in einer Schulform – Schüler mit Lernschwierigkeiten und Motivationsproblemen und fehlen im Gegenzug die Leistungsstärkeren, die Schwächere mitziehen, kippt das Unterrichtsklima leicht um. Das hat der nationale Pisa-Vergleich gezeigt. In Ländern wie Bayern und Baden-Württemberg, wo die Hauptschule gerade in ländlichen Gebieten noch stark ist, rutschten nur wenige der Jugendlichen in die so genannte Risikokategorie ab, dorthin also, wo die getesteten 15-Jährigen über das Leseniveau von Grundschülern nicht hinauskommen. Das Gegenbeispiel dazu ist Berlin, das Bundesland mit der niedrigsten Hauptschulquote – nirgendwo ist die Zahl der Sitzenbleiber und Schüler ohne Abschluss so hoch wie in der Hauptstadt.

Mit öffentlichen Sympathiebekundungen, aber auch mit neuen Konzepten wollen einzelne Bundesländer dem Schmuddelkind des deutschen Schulwesens wieder zu Ansehen verhelfen. Im Wesentlichen versuchen sie, den Alltagsbezug der Hauptschule zu betonen sowie Brücken in die Arbeitswelt oder in eine weiterführende Schule zu bauen. In Baden-Württemberg fließt das Ergebnis eines praktischen Projekts mit ins Abschlusszeugnis ein. Nordrhein-Westfalen setzt auf eine enge Kooperation mit Arbeitsamt, Wirtschaft sowie Jugendhilfe. In Bayern werden die Hauptschüler in besonders leistungsfähige und praxisorientierte eingeteilt – während die einen die mittlere Reife anstreben, bereiten sich die anderen in "Praxisklassen" so früh wie möglich auf eine berufliche Ausbildung vor.

Viele Lehrer sehen die Reformen durchaus mit Sympathie. Hauptschulpädagogen sind offener für neue Unterrichtsformen als ihre Kollegen zum Beispiel in den Gymnasien. Bislang hat die Bildungspolitik jedoch weder die Veränderungsbereitschaft noch die großen Erziehungsleistungen der Hauptschule anerkannt. Zum einen fließt im internationalen Vergleich wenig Geld in die Hauptschule. Zum anderen müssen ihre Lehrer in der Regel mehr Stunden unterrichten.

Ob die Reformen greifen, ist zweifelhaft. Der Trend zu höheren Bildungsabschlüssen hält an. Einige Reformer raten deshalb, dem Beispiel der ostdeutschen Bundesländer zu folgen. Sie haben die Hauptschule nach der Wende gar nicht erst eingeführt beziehungsweise nach einer kurzen Phase wieder abgeschafft und sie mit der Realschule zu einer Einheit zusammengefasst.